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Freitag, 21. Juli 2017

Dänemark, mein Dänemark

Wussten Sie, dass eine Flasche Coca Cola in Dänemark 28 Kronen kostet?
Bei Aldi.
Das sind in Deutschland Dreisechsundsiebzigodersoähnlich.
Dann kommt noch Pfand dazu.
Und das würde mich in Deutschland auch durchaus aufregen, aber nicht in Dänemark, denn
Dänemark hat sie:


die eingebaute Entsc h l e u n i g u n g.



Und damit herzlich Willkommen zu den krassesten Locations, heißesten Parties und abgefahrensten Spots, die einen in diesem formschönen skandinavischen Land alle mal kreuzweise können.

Ich merke allerdings gleich zu Beginn, dass dieses einleitende Satzgefüge viel zu hektisch daherkommt.
Wird es mir gelingen, die Entschleunigung Dänemarks in diesen vielen Zeilen angemessen zu transportieren?
Und ist es vielleicht nur mein Dänemark, nicht das der Dänen, dänen diese Darstellung am Ende furchtbar am Lakritzhut zwirbelt?

Irgendwas mit Lakritz ist nämlich nach der obligatorischen Colaflasche das erste, was ich in so einem dänischen Discounter versuche, auf eine Rundfahrt im Einkaufswagen zu überreden.
An dieser Stelle schäme ich mich dann auch immer direkt, als Tourist entlarvt worden zu sein.
Ich bin der Japaner, der Schloss Neuschwanstein einem wahren Blitzlichtgewitter unterzieht, der Amerikaner, dem aus beiden Mundwinkeln das Sauerkraut quillt, der Deutsche unterwegs im Bumsbomber nach....ohauerhauerha!
Muss man sich jetzt halt nur mit Lakritz vorstellen.
Dazu verweise ich mich selbst auf den Reinfall mit einem halben Liter laktosefreien Lakritzeis im September 2013 (raten Sie mal, was laktosefrei auf Dänisch heißt...richtig, "laktosefrie"...
DA hätte man drauf kommen können!),
den Lakritzkugeln im Schokostaubmantel im Juni 2015 - einer sehr interessanten Betäubungsmaßnahme für herkömmliche Geschmacksrezeptoren - und dem neuesten heißen Scheiß aus der 2017er Kollektion:
Lakritzpfeifen.
Kapitänspfeifen.
Skippers Pipes.
Pfeifen aus Lakritz.
Die Schokozigarette Skandinaviens.
Da dachte sich jemand eine schnuffelige Seemansgeschichte zu aus, druckte ein olles Steuerrad auf die Verpackung und fertig ist die Touristenfalle für meeresaffine Mitt-Dreißiger.
Übrigens befinden sich noch fünf von sieben Lakritzpfeifen in meinem Besitz!

Das Schöne daran ist aber, dass man sich in Dänemark eben doch nicht darüber ärgern kann.

Der Teer der Straßen flüstert ein leises Lied,
die SB-Tankstellen stehen unaufgeregt auf weiter Flur und locken völlig unaufdringlich mit Botschaften wie "Hier kannst Du jederzeit zapfen. Es wird nicht teurer. Steck ihn einfach rein...",
Kirchtürme wachsen wie ewig gleiche Wegweiser aus flachen grünen Hügeln und irgendwo da hinten ist auch das Meer.
Hier und da liegt ein Bunker auf seine alten Tage lässig am Strand, der kleine Leuchtturm reckt sich stolz aber bescheiden oben auf den Klippen, die nach einer kleinen Weile in eine sanfte Dünenlandschaft abfallen.
Ein Haufen Holzhäuser mit Holzöfen und Holzterassen wartet auf ein paar holzköpfige deutsche Manager, die hier einmal so richtig das IPhone baumeln lassen wollen, ein Dannebrog flattert im Wind. Fahnenmasten in weiss mit rotem Hut.

So ist Jütland, wie es kreucht und fleucht, nur eben in toll.

Um das liebe Jütland bei der Entschleunigung meiner Seele zu unterstützen, habe ich mein Fahrrad mitgenommen.
So ein kleines, lustiges, mit zwei Rädern, einer Klingel und einem verchromten Lenker.
Ein Fahrrad, das in den Kofferraum passt, ohne aufzumucken!
Mit nur einem Gang und der 20-Zoll Kinderradbereifung ist eine gewisse Langsamkeit vorprogrammiert.
Leben am Limit: Ist das die Clownsnummer mit Rad oder bin ich der kleine Individualist, der sich in mir regt?
Ich fühle mich tatsächlich vermehrt als Letzterer, nachdem ich den dunkelroten Leuchtturm oben auf den Klippen mehrmals lässig cruisend besucht habe.

Vorbei an den seelenlosen E-Bikes, ebenfalls seelenlos nicht grüßender Rentner, denen ich aber schon wieder nicht böse sein kann:
Vermutlich verstehen sie kein Dänisch. Ich grüße nämlich ganz entschleunigt mit dem landestypischen "Hej!" und da kann nicht jeder mit um.
Schon nach zwei Tagen bin ich braungebrannt und sehe wie ein Einheimischer aus.
(Alternativ waren die Rentner schon entschleunigt und da kann man sich ja jetzt denken, was dabei herauskommt - ist auch unwichtig jetzt.)
Dafür begegenet mir in zwei radlastigen Wochen mindestens 3x Forrest Gump in Trekkingbereifung.
So ein dänischer Forrestfahrradfahrer, der sich vermutlich über Wochen an der sandigen Nordseeküste entlanghangelt, besitzt im Schnitt zwei Satteltaschen und einen Bart, der bis zum Lenker herabreicht.
Aber die Forrests können fröhlich grüßen, während man in zwei Augen und ein paar wackelnde Flusen blickt.
Eins steht also fest: Den Bartwuchs entschleunigt Dänemark nicht.
Mein Zugehörigkeitsgefühl allerdings schon, ich fühle mich angenommen und dank der unaufgeregten Landschaft gleichzeitig frei - danke Dänemark.

Während am Abend der Duft von frisch angezündetem Braendeholz aus den Schornsteinen steigt, gehe ich nochmal an den Strand.
Dank des lässigen Küstenschutzes ist man schnell über die Düne gestiegen und auf den versonnen schlafenden Betonbunker geklettert, der seinem Schicksal, in ein paar Jahren von der lieben Nordsee verschlungen zu werden, artig ins Auge blickt.
Ich kenne den Platz. Das ist mein Bunker, Entschleunigung hin oder her. Alles meins.
Dank der Temperaturen, die sowohl einen FKK- als auch Badeurlaub in weite ferne rücken lassen, habe ich Strand, Bunker, Meer und Dünen ganz für mich alleine.
Danke, Dänemark.
Danke, dass ich nicht im Juli oder August zu Besuch kommen muss (wenn das Wetter nicht unbedingt besser, die Mieten dafür aber ganz doll teuer sind)!

Als Bunkerkapitän lässt es sich jedenfalls aufs Herrlichste entschleunigt mit dem Meer sprechen.
Ein Wellenflüstern hier, ein Rauschen dort, plitscheplatsche an den Molen, die aus norwegischem Bruchstein aufwendigst aber meeresentschleunigend aufgeschichtet wurden.
Wind im Ohr, Wind in der Kapuze, Flut am Strand, Seele in der Ferne, wo die Sonne ins Meer plumpst.
Eine Frau mit Hund kreuzt meinen Blick.
Der Hund guckt mich doof an, die Frau lächelt, da ist mir der Hund egal.
Die Lakritzpfeifen auch.

Dann bin ich wieder allein.
Allein mit dem Meer, dank Dir, Dänemark.







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