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Donnerstag, 11. Mai 2017

Keiner knutscht in der 6c

Jüngst blinzelte ich nur widerwillig erwachend aus einem sonnig sonntäglichen Mittagsschlaf samt Träumereien, in welchen ich soeben noch aufs Herrlichste geküsst wurde.
Nunja, beinahe.
Denn wie man sich so denken kann, hören Träumereien ja immer dann auf, wenns zur Sache gehen soll.
Herzlichen Glückwunsch!
In meinem Fall bedeutete dies präziser formuliert: Aussendung der Aufwachbotenstoffe zum Zeitpunkt der sich imaginär treffenden Lippen von Mann (das bin ich!) und Frau.
Trottelig, wie mein Körper eben so ist, ist er dann in diesem Fall ausnahmsweise auch sofort aufgewacht.
Luxuriös, wie meine Träume manchmal sind - da sind die Tagträume noch nicht inkludiert - schaffte dieser Traum es aber immerhin bis zur ersten, sachten Berührung.
Ich wachte also auf, und mein Hirn, das obere, war für einen Bruchteil von Minuten noch der festen Ansicht, meine zwei Lippen hätten gerade eben noch zwei weibliche, supersanft weich geschmeidige Lippen (auch hier: die oberen!) gespürt. Aber so richtig!
So weich, dass ich zwar viele aneinandergereihte, aber auch kaum Worte dafür habe.

Wem jetzt so Wachslippen oder bedeutend aufgespritzte Bockwürste bedeutend unbekannter Damen in den Sinn kommen, darf zwar gerne in seinem Kopfkino verweilen - aber nicht mit mir.
Nö, das waren schöne Lippen. Die tollsten, die ich mir für solch geruhsame Anlässe wohl hätte wünschen können. So doof toll, dass da sogar kein bisher realistisches Erlebnisgeknutsche irgendwie drangekommen wäre.
Darf man schon wieder gratulieren?

So wie damals, als Tina aus der 6c mir meinen ersten richtigen Liebesbrief schrieb, ich dummerweise aber gar keine Tina aus der 6c über mir kannte und eben diese unbekannte Tina ihren hochdosiert parfümierten Umschlag eines Abends in meinen elterlichen Briefkastenschlitz schob, den mein Vater voller Wissbegier auf die tägliche Zeitung noch vor seiner ersten großen Sitzung des Tages am nächsten Morgen pünktlich um sechs Uhr leerte.
Ja, manche Details will man nicht wissen.
So pünktlich wurde jedenfalls geleert und gekackt (ist das nicht eigentlich dasselbe? Nunja. Niedere Anmkg. d. Autors), dass mir der dunstige Umschlag gar nicht erst in die Hände fiel, mir dafür aber so ganz komische Blicke bescherte, als ich dann später an den Frühstückstisch kletterte.
"Da ist Post für dich", sagte meine Mutter mit süffisantem Grinsen.
Mir wird immer noch ganz flau bei dem Gedanken, denn so komisch stolz-zweideutig-süffisant grinsen, das konnten meine Eltern irgendwie immer schon ganz gut.
Besonders, wenn es um Mädchen ging. Und Sex und Aufklärung und das ganze Gedöns!
Dann stieg mir auch schon Tinas Parfümorgie in wirklich total unauffälligem hellblau in die Nase, fein säuberlich plaziert - direkt neben der Tageszeitung auf dem Frühstückstisch.
Noch demütigender war in den 90ern ja nur noch, dass man sowas dann auch noch direkt vor seinen Eltern auspacken und durchlesen musste. Brav erzogen, müde und perplex - was für eine Kombination!

Auf jeden Fall schrieb Tina aus der 6c, während sich mein Kopf in Sekundenbruchteilen in eine Heizbirne verwandelte, noch bevor ich in mein Schmierkäsebrot gebissen hatte, dass sie die Tina aus der 6c sei und mein Lächeln so süß fände.
Deshalb solle ich doch übermorgen nach der 6. Stunde mal unter der Treppe - jetzt raten Sie mal: natürlich - der 6c auf sie warten, sie würde mich gern kennenlernen.
Also sinngemäß, wie man das in der 6c sonst so schreibt. Man ist da ja erst zwölf Jahre alt und schreibt noch nicht so direkt, dass man ja eigentlich knutschen will und das jetzt auch total ernst meinen würde.
Dafür schreibt man mit Füller und in schön. Muss dann aber mit dem Parfüm aufpassen, damit nix verwischt. Tina wusste das.

Das Blöde an der ganzen Sache war nur immer noch, dass ich ja keine Tina kannte, und mich während der Klassenfahrt auf eine dieser ostfriesischen Inseln kürzlich erst ein anderes unbekanntes Mädchen angelächelt hatte, deren Namen ich mir nur mit Mühe aus irgendeiner Teilnehmerliste hergeleitet hatte. Diese 6c hielt offenbar wirklich eine Menge von mir bislang unbekannten willigen Mädchen bereit!

Und so saß ich da perplex, erhitzt und angegrinst von zwei schon wild spekulierenden Elternteilen und stellte mich brav dem Verkupplungsgericht.
Ich wollte das nicht. Wer hatte eigentlich erfunden, dass man in so einem peinlichen Alter noch mit seinen Eltern in einer Art Wohngemeinschaft untergebracht zu sein gewesen war wollte musste?!
Wenn man sich jedoch in der 6. Klasse Anfang der 90er Jahre befindet, ist man zusätzlich vermutlich auch noch so schüchtern und unbedarft und lässt die Erwachsenen Parfümprofis den blumigen Brief eh nochmal ganz selbstlos mit eigenen Nasen überfliegen. Genauso, wie man ja nichtmal am Telefon flirten kann, weil das Festnetzgerät mit Wählscheibe zentralst im Wohnraum der Familie....ach, ich will es gar nicht weiter ausführen.

"Wer ist denn das?", fragte meine Mutter.
Ja prima, da hatten wir offensichtlich dieselben Gedanken.
"Hm, keine Ahnung, wahrscheinlich will mich jemand veräppeln", antwortete ich noch - und merkte dabei, dass ich das selbst tatsächlich für die plausibelste Erklärung hielt.

Denn obwohl ich ja auch ein anständiger Typ bin, hatte ich in der 5. Klasse die Oberzicke Stephanie doch mal in einem längst überfälligen Anfall von Selbstverteidigung doof beleidigt.
Das hatte die sich bestimmt gemerkt und dieses stinkende Schriftstück hier sollte nun so ne Art verspätete Rache sein oder so.
Wenn man keine Tina aus der 6c kennt und nur ein kleiner dicker Junge mit Igelfrisur und viel zu großer Brille ist, erscheint so eine Erklärung auch gar nicht so abwegig.
Ausserdem klang das Ganze so herrlich ausgedacht, irgendwas mit blond und blauen Augen, das musste doch eine Falle sein!
"Ja, hier...von der Stephanie...die will mich bestimmt reinlegen...wegen der Sache letztens...!", bestärkte ich nochmal meine damals unglaublich dämliche, aber duftgeschwängerte These.
Untermauert von "die ist ja auch blond und blauäugig, jaja!".

Wie durch ein Wunder schienen mir meine Eltern das sogar spontan zu glauben.
"Sollen wir den Brief denn erstmal weglegen?", fragte meine Mutter noch fürsorglichst,
dann ward dieser auch schon nicht mehr gesehen.
Damit legten sie auch die Chance auf meinen vielleicht allerersten richtigen Mädchenkuss in irgendeinen Schrank ihrer Wahl, während Tina aus der 6c ein paar Tage später tatsächlich nach der sechsten Stunde mit klopfendem Herzen unter der Treppe auf mich wartete, wartete und wartete.
Zumindest dachte ich mir das so, als Tina und ich dann zwei Jahre später in die 8b kamen und mir gewahr wurde, dass das Mädchen mit dem transpirierenden Brieflein ja tatsächlich existierte und mich nun heimlich über die Jahre verehrt hatte.
Kleines dickes Mädchen mit dem, was man so langläufig ne Vokuhila nennt, küsst kleinen dicken Na-Sie-wissen-schon.
Ja, das hätte Sinn gemacht.
Jedoch nicht damals, 1992, irgendwann gegen 7:05 Uhr, Auge in Auge mit Mama, Papa und einem Brief, der wie eine ganze Douglasfiliale roch - und wenn man noch keine Mädchen aus der 6c kennt.

Beinahe küssen konnte ich also schon immer gut
und mir damit auch die Momente entgehen lassen, in denen man Dinge spürt wie:
  • "hey, ich mag Dich!"
  • "Du bedeutest mir etwas...mehr...als Du dachtest..."
  •  "gutschigutschi, na Du bist aber groß geworden",
  • "Du Tarzan, ich Jane!" und
  • "...boah, ich hatte drei Ouzo und zehn Baileys - und jetzt stell dich nicht so an!".

Sie kennen hoffentlich nicht alles davon.

Und weil ich manchmal so tolle Träume habe, küsste mich in meinem sonnigen Einleitungstraum so eine namenlose Frau, von Sonnenstrahlen durch alte Blechfenster in warmes Licht getaucht - im Gemeinschaftswaschkeller des Hauses und auf dem Fußboden sitzend.
Die mochte mich offenbar doch mehr.

Dabei habe ich doch gar keinen Gemeinschaftskeller, nur die Stelle unter der Treppe zur 6c.


Immer noch duftend,
Ihr Deichträumer

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