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Montag, 21. Mai 2018

Ich hat gesagt

Ich werde bald ganz wirklich gefragt, welches Thema ich im Leben verschweige,
und ich hat - ganz ungefiltert - gesagt:
Das Thema, welches ich verschweige, ist vielleicht gar kein Thema.
Vielleicht verschweige ich einfach nur manchmal mein Ich.
Hier und da.
Und vielleicht verschweige ich nicht, sondern behalte nur für mich, was mich im Innersten zusammenhält, damit es keiner kaputtmachen kann.
Oder bewerten.
Oder erledigen. Denn Themen müssen ja erledigt werden.

Ich will aber nicht, dass jemand meine Träume oder Träumereien erledigt.
Und ich habe Angst, dass ich das nun selbst erledige, indem ich es irgendwie versuche aufzuschreiben.
Ausgesprochen ergibt so manches vermutlich einen ganz anderen Sinn als gefühlt.
Und passend dazu schreibe ich diese Zeilen nun, während mir eine junge Frau, deren Namen ich nicht kenne, von irgendwoher eine gute Nacht wünscht.
Hallo Onlinezeitalter.
Sie ist ausgestiegen, sitzt vor ihrem Zelt gleich am Anfang eines neuen Lebens mitten auf einer platten grünen Wiese nördlich von hier.
Der Wind rauscht und man kann den Regen auf die Zeltplane tropfen hören. Langsam, leise.
Ich glaube, ich bin ein bisschen neidisch. Auf eine gute, melancholische Art – ahnen, wie sich Freiheit anfühlen kann.
Bevor ich später schlafen gehe, sehe und vor allem höre ich mir das Video nochmal an, weil ich das Gefühl so mag.
Ich kenne sie nicht, aber sie mag mich.
Ich mag sie.
Um mehr geht es grad nicht.
Und ich mag, dass sie mich mag, jetzt für mich da ist.
„Vielleicht ist das aber auch bereits zu viel?“, lautet die spießige Frage, die in mir hochploppt. Ein Video von irgendeinem Waldschrat, der mir nun samt rauschenden Bäumen eine gute Nacht wünscht, würde mich nämlich ganz sicher nicht so bewegen.
Wahrscheinlich geht es also aber u.a. irgendwie darum: gemocht zu werden, im Herzen angesehen und ernst genommen zu werden mit dem, was ich geben kann und was sonst so wenig zu wiegen scheint.
Ein gutes Gefühl, das man sich mit Geld nicht kaufen kann.
Ein gutes Herz, das wichtiger ist, als Tempo oder Planerfüllung.
Ein bisschen Geborgenheit, weil ich bin.
Sich an den kleinen Dingen erfreuen, an den kostenlosen.-
Wind, Wellen, Weite.
Dort, wo Romantik nicht aus Rosen, Restaurant und Schickimicki besteht.
Einen Ort, den man ganz für sich alleine hat und wo die Seele atmen kann, weil sie sonst dank Verstand, Alltag und möglichst zu erreichenden Zielen nirgendwo Platz findet.

Ich kann so gut mit mir alleine sein, dass ich verschweige, Angst davor zu haben, dass ich dabei etwas falsch mache. Mich verrenne oder mir etwas vormache.
Dass ich mich immer mal wieder bei dem Gedanken erwische, wie es wohl wäre, nicht in so Strukturen zu stecken.
Die klassische Frage:
Was würde ich heute tun, wenn ich nochmal bei 18 anfangen könnte?
Ist natürlich einfach, sich das jetzt nochmal anders auszumalen, wo ich schon ein paar Level des Lebens durchgespielt habe.
Klischeegedanken - so sind sie, und ich weiß nicht, ob sie sein dürfen?
Ich bin wohl jemand, der nicht alles nochmal genau SO machen würde und dafür schäme ich mich.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein guter Mensch, Mann, usw. bin, wenn ich mich so sehr um mich drehe. Was darf ich?

In meinen Träumen wohne ich nicht weit von der Nordseeküste entfernt.
Idealerweise direkt hinterm Deich, aber man muss realistisch bleiben.
Das Haus ist klein und rot, die Felder sind weit und wolkig – es gibt ein bisschen Geld zum Überleben und man kann herrlich mit dem Auto herumfahren.
Ich schreibe ein paar Texte und gehe jeden Tag über den Deich ans Wasser.
Oder Watt. Watt geht auch.
Menschen, die diese Seite von mir kennen, sagen:
„Herr Träumer – nicht ohne Meer.“ Und das tut mir gut, denn ich glaube spüre, dass sie mich im Innersten ansehen.
Dann merke ich, dass es am Wichtigsten ist, einfach nur mal sein zu dürfen.
Ich weiß, dass das einfach Sein in solchen Gedanken viel einfacher anmutet, als es tatsächlich ist, denn man braucht ja einen Plan.
Braucht man doch, oder?

Vielleicht aber als Beispiel für das Verschweigen ganz gut geeignet.
Was darf ich eigentlich wollen? Wünschen? Ich habe da immer noch eine Bremse drin, damit nicht alles im Alltag aus den Fugen gerät oder mir jemand mit pragmatischen Fragen diese kleine Welt in Stücke haut.
Oft reicht ja aber auch schon ein bisschen handelsübliche Anwaltspost, um mich aus diesem vermeintlichen Egotrip zu reißen.

Nunja, ich weiß nicht, ob ich das jetzt „gut“ gemacht und erklärt habe – das ist ja auch nicht so wichtig.
Vielleicht ist es wichtig, das aber mal kurz in die sichtbare Welt zu hieven, gehievt zu haben.

Ich habe mich letzte Woche mit dem Fahrrad verfahren – eigentlich schon fast bewusst oder kalkuliert, dass ein neuer Weg, der geradewegs in den Wald führt, gar nicht so geradewegs wieder herausführen würde.
Hallo Unvernunft. Guten Tag, Herr Ausbrecher.
Das breaking bad des kleinen Radfahrers.
Etwas in mir hat Gefallen daran gefunden, unvernünftig zu sein.
Vorbei an Schildern mit Zeckenalarm und Bandwurmhinweisen, süßlichem Baumstammduft immer tiefer in den Wald. Oder besser: höher und tiefer samt „Ich muss jetzt doch mal absteigen“, Schwitzen, scheuernder Umhängetasche, falscher Gangwahl an krachender Kette und lauter so unangenehmen Sachen.
Ohne Handy, und wie ganz gern bei mir auch ohne so richtige Orientierung; niemand wusste, wo ich war - einfach weiter, denn Umdrehen ist doof.
So wird aus einer Stunde „Umweg“ eine kleine Ewigkeit ohne ein Ankommen.
Dabei glaube ich zu erkennen, dass neue Wege nicht immer schön sind – oder spannend.
So ein rauf und runter im Wald kann trotz Sonnenstrahlen, Stille und natürlicher Duftnote ganz schön nervig sein.
Aber ich habe einen Turm gefunden. Plötzlich war er da.
Wo es zuvor noch so endlos verschlungen steil war, endlich Orientierung.
Ich kannte den Turm bislang nur von Weitem.
Ein unspektakulär modernes graues Ding, eher klein, das nachts langweilig vor sich hin leuchtet. Aber jetzt, oben aufm Kamm, wie man so landläufig sagt, mitten im Wald an einem Montagnachmittag ohne die Menschen, die ja gerade viel sinnvolleren Dingen nachgehen als ich, ohne Handy, ohne Wasser beginnt ein ungeplant kleines großes Abenteuer.
Als wandelnder Zeckenmagnet rolle ich langsam am Zaun entlang, der den Fuß des Turmes umgibt. Ein Funkturm, aha aha.
Ein begehbarer Funkturm mit Aussentreppe!

Und wenn da jemand oben sitzt und auf mich wartet?
Und wenn da jemand unten sitzt und mein Fahrrad mitnimmt?
Und wenn und wenn und wenn?

Und wenn ich da nicht raufgehe und mich später ärgere?!

Ich kann mein Fahrrad am Zaun anschließen und dann gehe ich da hoch.
Wenn einer oben sitzt und auf mich wartet, dann hört er mich durch das Klonkern der Metallstufen herzlich kommen.
Aber ich mache das.
Es geht immer höher, trotzdem nicht unsicherer.
Es ist wagemutig, aber nicht unmöglich.
Ich will das schaffen, denn „da ist nichts“ - ich habe das Recht, auf den Turm zu gehen.
Klonker klonker, was soll schon passieren?

Von oben sehe ich alles.
Ich erkenne genau, wie sich der Hügelzug so durch die Landschaft schlängelt, wende mich der Norddeutschen Tiefebene zu, den Windrädern, die ich so mag und die so ein kleines Symbol für mein träumerisches Zuhause geworden sind.
Und dann hat dort oben auch niemand auf mich „gewartet“ - nur ich.
Ich hat gesagt: „Siehst Du, das war nicht schlimm. Sondern mutig. Und das haste jetzt davon: eine tolle Erinnerung.“

Jetzt habe ich Sehnsucht.
Ich schaue abends dem Turm beim Leuchten zu und frage mich, wie es wohl wäre, genau dann dort oben zu sein.
Wenn es dunkel ist und alles rot leuchtet, und ob man das überhaupt mitbekommt auf der „Besucherplattform“. Gleichzeitig ein schöner aber schauriger Gedanke.
Ein Gedanke, der mich ganz sicher davon abhält, das auszuprobieren.
Aber die Sehnsucht, die mag ich.

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Vielleicht ist so ein kleiner Text viel richtiger, als gewissenhaft beantwortete Fragen...
ich werde gespannt sein.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Die Denkwürdigkeiten im Oktober und ich

Ich hatte heute meine erste Nachtfahrt.
Mag jungfräulich klingen, war es aber nicht - jedoch: fährt man dank Zeitumstellung an einem Sonntag im Herbst nach 20 Uhr mit dem Fahrrad durch die Gegend, fühlt es sich beinahe so abenteuerlich an, wie ein echtes erstes Mal.
Es ist furchtbar dunkel.
Man ist furchtbar allein. Herrlich!
Ein Mann und seine Maschine....*räusper*....
Na gut, also zumindest wie ein erstes Mal seit Langem, wie so ein "hab ich als Kind mal gemacht, war echt cool" und (leider) nichts Versautes.

Besonders im Anschluss an nachmittagliche Kuchenvöllerei tut so ein Ausflug durch die herbstliche Dunkelheit echt gut.

Wenn dann auch noch ein frisches Lüftlein kräftig bläst (gnihihi), der Himmel klar und die Straße wie leergefegt vor einem liegt, kann man mir also bereits sehr denkwürdige Momente bereiten.
Ich bin eben auch ein bescheidener Typ.

Sobald die von Fahrrad Meier erworbene LED-Lichtorgel an meinem Lenker den schwarzen Asphalt vor mir in befahrbares Terrain verwandelt, und ich somit herabfallenden Ästen, Zweigen und Eichhörnchen noch eleganter auszuweichen vermag, als mir mein naturgegebenes Talent es eh schon ermöglicht, bin ich schwer zufrieden.
Es sind eben die kleinen Dinge.
Wobei so ein kleines Eichhörnchen schon auch ganz fies großes Unheil anrichten kann, wenn es den Speichen der fröhlich vor sich hinrotierenden 28" Laufräder einen Hauch zu nahe kommt.

Ja, was man nicht alles so denkt und schätzt, während man so mutterseelenallein durch die "Nacht" galoppiert...
man denkt da ziemlich viel und auch nichts. Denkwürdig eben.

Im Geleit von Sternen klar mit Mond und meinem blinkenden Lieblingswindrad in der Ferne, wird mir dann schnell bewusst, dass ich gerade nicht viel mehr als das brauche.
Hier ist eigentlich nichts und doch so viel mehr als das.
Ein toller Moment, um leise liebe und vor allem besonders liebenswürdige Menschen mit einem Gruß in den Nachthimmel zu beschenken oder vor sich hinzumurmeln, dass man sie vermisst.
Ausser dem Sturm und ein paar Bäumen hört ja auch keiner zu - und das soll nun nicht bedeuten, dass die beiden genannten Naturburschen keine guten Zuhörer wären.

Denkwürdig ist auch, dass der Wind das eigentlich einzige Geräusch bekleidet, dass man auf ner nächtlichen Radexkursion so wahrnimmt - zumindest solange er von der Seite oder von vorne durch den Schädel weht.
Erreicht der geneigte Nachtwanderer nämlich diesen Punkt am Ende der Straße, sich bereits ganz in der Nähe dieses Windrades befindend (Sie erinnern sich) und wechselt damit zwangsläufig beim Abbiegen die Himmelsrichtung, ist es plötzlich ganz still:
Wenn der Wind von hinten kommt, fühlt man sich für einen Moment wie im Auge des Sturms aller sonst so lauten und alltäglichen Dinge. Echte, denkmerkwürdige Stille ohne viel Nachdenkerei. Seelenbalsamiko!
Notiz an mich: Wer seine Route zuvor in etwa nach der Windrichtung plant, hätte mehr von diesem Stilleanteil...
Aber mit den Himmelsrichtungen hab ich es ja nicht so.

Schwamm drüber.
Paradoxerweise strampelt es sich trotz aller stürmisch-dunklen Meteorologie hervorragend.
So zeigt sich mal wieder, dass sogar noch trotz unangemessen hoher Kuchenmengen am Nachmittag eine vor Kraft und Vortrieb strotzende Fahrweise durchaus möglich ist.
So sause ich festlich beleuchtet mit mal wieder gut 30 Sachen durch die ziemlich finstere Landschaft, lasse das Windrad passieren (nicht, ohne meine Gehörgänge dabei auf das durch die Luft schneidende Geräusch der Rotorblätter zu richten und erneut stille Grüße zu entsenden), wage mich auf den schmalen Weg durch den Waldabschnitt, dessen Herausforderung weniger darin besteht, dass er nach dem Motto "Loch an Loch und hält doch" im Jahre 1978 zum letzten Mal nicht ganz fachmännisch geteert wurde, sondern mehr darin, dass er nen guten Nährboden für jeden Horrorclown abgeben würde.
Dabei ist allerdings festzustellen, dass mich das eventuelle Auftauchen dieser Spezies gerade nicht beunruhigen würde. Die Luft hat mich mutig gemacht!
Bock, mich mit so nem überschminkt rotnasigen Kettensägentypen nun unnötig herumzuschlagen, hätte ich allerdings auch nicht.

Also erachte ich es für denkwürdig, diese hohle Gasse frohen Trittes hinter mir gelassen zu haben.
"Sternengefunkel ist wirklich gut für die Seele", sagen meine Gedanken.
"Eine leere, top asphaltierte Landstraße am Sonntagabend auch!", wirft mein Fahrrad ein.
Zusammen werden wir jedoch aus unseren Sentimentalitäten gerissen, als ein haariges Etwas aus dem Straßengraben sich anschickt, das mühelose Hingleiten jäh zu unterbrechen.
Zu meiner Erleichterung handelt es sich weder um ein Eichhörnchen, noch um einen Horrorclown.
Eine todesmutig oder ebenfalls mit Kuchen überfüllte Katze kommt mit quietschenden Krallen kurz vor mir auf dem Asphalt zum Stehen.

"Ja, ein denkwürdiger Tag auch für diese Fellnase!", entfährt es meinem Gespür. Ein paar Minuten früher oder später und sie hätte vielleicht eine zweite Karriere als Unwucht am rechten Zwillingsreifen von Brummifahrer Bernd gestartet.
So aber wird sie Zeuge, wie ich sie auf meinem zweirädrigen Schimmel mit gedacht flatterndem Mantel gekonnt umschiffe und ihr im Vorbeifahren die Empfehlung ausspreche, den Graben heute lieber nicht mehr zu verlassen.

Und so begebe ich mich - halb St. Martin, halb Schimmelreiter, halb nix (das ist mal Mathematik! ) - noch ein Weilchen durch die Nacht, die dank der Umstellung auf Winterzeit nur ein verkleideter Abend ist.
Oh, Kuchen.......

Freitag, 22. September 2017

So groß wie Du (Septemberrohfassung 2017)

Ist nichts.

Nichts ist so groß wie Du. 


Wenn ich wach bin in der Nacht
und in der Ferne Lichter blinken,
bleibst als hellstes Ende Du.

Und atme ich in an weiten Feldern,
whisper ich Dir seufzend zu.
Wenn ich Reden höre, starke Worte,
reicht ein Wort von Dir, ein Gruß,
dass ich spüre Deine Nähe,
denn nichts ist so groß wie Du.

Erklimme ich die höchsten Berge,
denk ich erst dem Gipfel zu,
und dann hoch oben aus der Ferne
winkst statt mir schon wieder Du.
Tanke ich mal meinen Wagen
voll bis an den höchsten Rand,
entfährt es mir nach dem Bezahlen:
hab mich Dir nur zugewandt.

Steh im Wind von Eisenbahnen
ich an einem Übergang,
saug ich ein ihr rauschend Fahren,
doch Du bleibst der stärkste Klang.
Unter alten Flugzeugrümpfen
seh den Tragflächen ich zu,
die in mächtig weiten Schwingen
doch nicht tragen so wie Du.

"So groß wie Du ist nichts,
nichts ist so groß wie Du",

sprech ich am Deich noch oft zum Meer,
das mit Wellenwogenrauschen

fast so groß ist

wie nur Du.