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Dienstag, 22. Dezember 2015

~have yourself a merry little christmas~ (feat. Schaluppke und das Licht)

Dieser Blogpost wurde von mir ursprünglich für den Adventskalender 2015
einer gutsten Bloggerkollegin
geschrieben.

Schaluppke und das Licht

Es wurde schon dunkel, als der dicke alte Mann unter der großen Lichterkette am Eingang des
kleinen Weihnachtsmarktes seiner noch kleineren Heimatstadt hindurchschritt.
Schaluppke hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und betrat langsam und mit schweren
Schritten das Kopfsteinpflaster, auf dem sich die vermufften Holzbuden säumten.
Wie gut, dass sich sein dicker brauner Mantel, für dessen Herstellung eine ganze Sippe sibirischer Schwarzbären ausgerottet worden sein musste, immer noch hervorragend an seinen schweren, unförmigen Körper anzuschmiegen vermochte.
Zufrieden bemerkte er die Vorzüge seiner Investition vom Winter '78, als er sich dieses wärmende Kleinod nach einem hervorragenden Geschäftsjahr gegönnt hatte.
Immerhin verdeckte es nun den Umstand, dass sein darunter befindliches Oberhemd
gute zwei Kleidergrößen zu eng war.
Lange hatte niemand mehr für ihn eingekauft.
Schaluppke war allein.
Zum ersten Mal war er allein.

Einsam und beinahe lautlos schoben sich seine klobigen Füße auf der holprigen Straße voran.
Langsam.
Es roch nach Lebkuchen; dann nach kandierten Äpfeln und all dem anderen süßen Zeug, mit dem man dem ein oder anderen Kind sein ganzes Taschengeld abluchsen konnte.
Schaluppke aber schaute nicht auf. Das hier war alles so alt und bekannt, dass er nichtmal
hinschauen musste.
Tannenzweige, Gedudel, Holz und Dampf – Dezember.

Dies war das erste Weihnachtsfest ohne seine Gertrud, die ihn im letzten Sommerurlaub für diesen gut bestückten Jamaikaner verlassen hatte.
„Ich bleibe bei Dingo“, hatte sie nur gesagt, als sie zwischen all den gepackten Koffern und Kisten im Hauptflur von Schaluppkes Villa auf die 23 Transport-Taxen zum Flughafen nach Port Lismeth gewartet hatte.
„Dingo“, dachte Schaluppke.
Und stellte sich vor, wie seine Frau an Heiligabend nicht wie gewohnt unter künstlicher Tanne an Eiche rustikal verbrachte, sondern am sonnigen Strand diese riesige Palme wedelte.
Er dagegen sollte sich wie immer knarrend in seinem Ledersessel niederlassen und dem
knisternden Plattenspieler lauschen, den seine Gertrud sonst Jahr für Jahr ganz sentimental mit der großen Mainzelmännchen-Weihnachts-Langspielplatte für sich einnahm.
Ein Ritual, das die alte Dame seit dem Auszug der Kinder unbeirrt fortzuführen pflegte.
Olle Schnepfe! Dieses Jahr hatte er die Gelegenheit, die fröhliche Kindermusik endlich durch einen anständigen Marsch zu ersetzen.

Bonbonduft riss Schaluppke jäh aus seinen Träumen.
Sonst sollte einfach alles so bleiben, wie jedes Jahr geschehen.
Diese roten fossilienartig geformten Glühweinklümpchen brachten ihn schlagartig auf den Boden der früheren Tatsachen zurück.
Vor einigen Tagen erst hatte er eine Reportage über ein altes hageres Männchen gesehen, das den lieben langen Tag nichts anderes tat, als eine rote, von Zucker geschwängerte Masse in antike Blechformen zu gießen und zu warten, bis sich die geheime Mixtur zu einem plombenziehenden Mehrkomponentenkleber verhärtet hatte.
Dann bestand der Rest des Männchen-Tages darin, jedes einzelne Bonbon von Hand aus der Form zu trennen.
„Armer Hund“, dachte Schaluppke, „der könnte sich ne Scheibe abschneiden vom Schaluppkeschen Unternehmergeist:
H.S. International Tabakwaren Import KG!“
Dabei formte sein Mund nur beinahe ein triumphales Lächeln.
Ausser der Villa und dem 1992er 300 SEL war ihm nicht viel von seinem Reichtum geblieben.

„Glühweinbonbons. Zwei Tüten!
Hier haste vier Mark!“

Der Bonbonverkäufer nickte gehorsam – Schaluppke machte immer noch eine stattliche Figur, das musste man ihm lassen. Er ließ die Bonbontüten in seinen Mantel wandern und schritt grußlos weiter.
Die Bonbons waren vermutlich der einzige Grund, der ihn alljährlich neben oder hinter seiner Frau an diesen Ort gelockt hatte.
Alles weitere Geschehen zwischen den sich aneinander reihenden
Buden und Ständen hatte sonst doch nur aufgrund der schrulligen Vorliebe seiner Gertrud
stattgefunden.
Hinter dem Bonbonstand folgte die gefürchtete Geschäftszeile. Einzelhandel.
Und jedes Jahr fanden sich die Schaluppkes genau an dieser Stelle bei Miederwaren Strunz ein, um diese angeblich so besonders edlen Strumpfhosen zu erwerben, die seine Frau über alles liebte.
„Häßlich braune Dinger“, raunte Schaluppke wie automatisch und beinahe hörbar trotzig vor sich her, als er das Schaufenster erblickte. Dann stellte er sich vor, wie seine Alte sich am ersten Weihnachtsfeiertag traditionell in die viel zu engen Nylons quetschte und juchzend aus dem Schlafzimmer grüßte.
Den Besuch konnte er sich diesmal sparen.

Der Unternehmer im Ruhestand sparte genau 143 Mark und 50 Pfennig.
Da konnte er gut und gerne auf diese undankbare Frau verzichten, die ohnehin jedes Jahr mit denselben kleinen blauen Pillen als Geschenk unterm Christbaum aufzuwarten pflegte.
Schaluppke konnte schon die Farbe nicht ausstehen.
Ein frisches blau passte nicht in seine Welt aus Ocker und verrauchten Tabaktönen.
Zum Glück war es ihm immer gelungen, die geschenkten Presslinge unentdeckt aus ihrer
Verpackung zu pfriemeln und dem treuen Familiendackel sukzessive in den Napf zu bugsieren.
Beinahe eine ganze Dekade lang hatte das hervorragend funktioniert.
Dann wurde der Dackel zu alt für solche Spielchen und musste erlöst werden – sein fünftes Bein starr in die Luft gereckt, so wie man ihn seit Schaluppkes gütiger Zugabe lange Jahre kannte.
Schaluppke schaute auf. Der Duft von gebratenen Pilzen verriet ihm erfahrungsgemäß, dass er sich bereits am Ende dieser eigentlich sehr gemütlichen Veranstaltung befand.
Gemütlichkeit jedoch konnte er schon lange nicht mehr empfinden.
Leere und Gewohnheit waren die Säulen seines Alltags, Kalkül.
Zur Vollendung seines Plans oder des Plans, den seine Gertrud ihm über die Jahrzehnte irgendwo hinter der Hirnrinde eingebrannt hatte, fehlte nur noch dieser Kranz.
Schaluppke wusste genau, dass er dafür nur einen Schritt über die Schwelle von
Blumen Bittner zu machen brauchte. Jener Laden, in dem seine Frau zur Krönung meist nicht unter einer Stunde verweilte.

Etwas zerzaust und vertrocknet standen die Adventskränze genau vor seinen Füßen.
Immerhin fand sich dort auch nach dem 4. Advent noch ein Exemplar.
Er grüßte nicht, deutete bestimmt auf ein lieblos zusammengestecktes Gebilde, ließ
die etwas ehrfürchtig agierende Jungverkäuferin hastig einpacken und machte sich dann
mit dem knisterden, nadelnden Etwas nun strammeren Schrittes auf zu seinem Wagen.
Der Mercedes roch wie immer, es war Schaluppkes eigener Duft aus Zigarrenqualm und altem Leder.
Sanft schaukelte die schwere Limousine ihn durch die verschwenderisch hell erleuchteten
Straßen, der alte Mann war allein.
Hinter den Fenstern der Häuser mochten so viel Zweisamkeit und Familientreiben herrschen, dass es Schaluppke für wenige Sekunden aus seiner inneren Kälte riss.
Um dem Schmerz Herr zu werden, schloss er rasch die Augen.
Dann war da nur noch das eintönige Geräusch des 6-Zylinders unter der langen Motorhaube - alles wie immer.

Dunkel erwartete ihn die alte Villa.
Dort angekommen musste er nur das Automatik-Tor seiner Garage betätigen, dann sich und seinen Mantel samt Bonbons und Kranz aus dem Wagen hieven und durch die schwere Verbindungstür den großen Hausflur betreten.
Er erwartete nichts, und niemand erwartete ihn.
Das Haus empfing ihn dennoch mit wohliger Wärme.
Schaluppke hatte den gemauerten Kamin im Wohnzimmer vor seiner Abfahrt mit ausreichend Holzscheiten bestückt, immer noch glimmte und knisterte es dort.
Das Papier, aus dem er den reichlich nadelnden Adventskranz befreite, eignete sich hervorragend, um das Feuer nochmals zu entfachen.
Der alte Mann stellte den Kranz auf den wuchtigen Wohnzimmertisch, entzündete Kerze für Kerze sorgfältig und legte das letzte verbliebene Stück Holz nach, bevor er sich in seinen alten Ledersessel niederlassen wollte.
Sein Blick fiel auf den Plattenspieler, er brauchte ihn nur anzuschalten und den Arm auf die
Schallplatte zu legen, schon knisterte und knarzte es in den Lautsprechern.
Schaluppke huschte beinahe ein Lächeln über das Gesicht, als er samt Mantel in den Sessel hinabglitt, fast hätte man ihm Zufriedenheit zugetraut, fast war Alles wie immer.
Ein Griff in die Manteltasche und seine alten, dicken Finger zauberten ein dunkelrotes Bonbon hervor.
Es funkelte herrlich im Schein der Kerzen, während die Mainzelmännchen
„Oh du Fröhliche“ sangen.
Schaluppke schloss die Augen, legte das Bonbon langsam auf seine Zunge.
Ihm wurde warm ums Herz – so warm und hell wie schon seit Jahren nicht mehr.
Er hörte das Knistern des Feuers, spürte die Wärme der Kerzen...
dann schlief er ein.

Es war Horst Schaluppkes letztes Weihnachtsfest.




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Ich wünsche Ihnen/Euch allen ein FROHES WEIHNACHTSFEST!
...und ja, ich habe schon einen Baum ;-)

Mittwoch, 11. November 2015

Walter, die Pfütze



Als ich zuletzt am Abend unterwegs
und gen diesem fern roten Sonneruntergang fuhr,
mit kräftigem Tritt in alte Pedale,
an milder November-Luft,
alleine und pur

Sah ich ein Leuchten,
voll Wärme verzaubert,
ich rieb meine Augen, wunderte nur:
Was mag da wohl flackern?
Und gleißen und glänzen und locken an Stellen
wo sonst Bauern ackern
- und nichts ist als Flur?

Hat der Paschulke von drei Häusern weiter,
ne Leuchte hier tief in die Erde montiert?
So einsam und schutzlos und neu muss sie sein dort,
dass mich diese Sicht plötzlich so fasziniert.

Mit kräftigem Tritt sucht' ich die Begegnung,
was mag mich erwarten,
was könnte so schein'?

und als ich dann endlich näher herankam,
da fiel es mir wie von Zauberhand ein,
wie Wolken verzog es mein heimliches Rätseln,
es musste bloß Walter, die Rand-Pfütze sein.

Vermatscht und ganz häßlich und förmlich zerfahren,
aus Acker und Erde und Grasnarbe fein,
sonst schmutzig und kalt und gar nicht verlockend,
lud in roter Sonne zum Träumen mich ein.

So kam es, dass etwas, was sonst niemand mag,
bei Sonnenabgang,
seine Sternstunde hat.

Donnerstag, 24. September 2015

Werfttagebuch 2. Akt

Vorwort:

Wenn Sie etwas übrig haben für Akt und Co. - die Frau Möwe hat da was für Sie.

Ja, es gibt auch noch andere Meeresdingsen, aber nur hier im

~Original~

wird so vorzüglich gecruised.

Ende der Durchsage, weiter zum Text:




Werfttagebuch 2. Akt


oder: Diesmal lasse ich es mir machen!

21.06.: Bombenstimmung! Nachdem das Spezialwerkzeug lustig am Regal baumelt, feiere ich genüsslich meinen ersten Triumpf!
Sprichwörter wie "Hochmut kommt vor dem Fall" oder "Wer anderen eine Bratwurst brät"
ignoriere ich zu diesem Zeitpunkt professionell.
"Nun!"......
"Nun!", so rufe ich "legt mir hier keiner mehr irgendwelche unlösbaren Schrauben in den Weg!" und tanze wie Tom Hanks um sein erstes zartes Flämmchen in "cast away".
Überlege, mir auch einen Wilson anzuschaffen, mit dem ich meine Reparatur-Fortschritte teilen kann.
Warte vergeblich auf den Tag, an dem der Regen einen alten Volleyball durchs Garagentor spült, dem ich eine ölverschmierte Hand in die Visage drücken kann.
Der Juni ist ein gnadenlos dürrer Doofmann!

Also heißt es wieder "Selbst ist der Mann".
Ein Blick in mein Handbuch verrät, dass die Schraube, für die das monumentale Spezialwerkzeug gebaut wurde, ganz am Schluss auch wieder mit exorbitanter Kraft angezogen werden muss.
Dies wiederum erfordert ein weiteres Spezialwerkzeug, dass meiner Sammlung leider nicht beiwohnt:
Einen 500-Newtonmeter-Drehmomentschlüssel - mit titanbeschichteter Auslösemuffe und  hartverchromter Einstellmutter....*grunz*

Das Grunzen bleibt mir jedoch im Halse stecken, als ich feststelle, dass weder Wilson noch Tim Taylor anwesend sind, und ich mich auch nicht in der Garage dieses Heimwerker-Kings befinde, in der man so eine Gerätschaft mal eben funkelnd von der Werkzeugwand hievt.
Dieses Mal hilft weder ein Rohr, noch ein Kumpel mit Telefonanschluss.
Fazit des Tages:
unlösbare Schrauben sind doof.
Andersherum ist aber auch mehr so mittelgeil.


25.06.:
Überlege seit Tagen, dass ich mir am Ende der Reparatur so einen Drehmomentschlüssel leihen muss.
  • Wer wird so ein Baby aus der Hand geben?
  • Werde ich mich beim abschließenden Versuch, mit diesem wirklich langen Ding zu hantieren letztendlich gesund und wohlbehalten am Garagenboden wiederfinden?
  • Und warum müssen die Rohre in diesem Text eigentlich immer so lang sein?!


27.06.:
Ende der Grübelei: mein Werkzeug glüht.
Schraube um Schraube verlässt in einem Wahn von Losschrauberei den Motorraum.
Manchmal denke ich daran, die lustigen Metallkameraden in entsprechend gekennzeichnete Kartons zu bugsieren.
Manchmal - Sie ahnen es - aber auch nicht.
(Schließlich besitzt kein Mann ausreichend viele bunte und praktisch bemaßte Kartons!)

Ein bisschen Nervenkitzel muss eben auch sein, denke ich so bei mir.
Dann fällt mir ein Satz aus "Werfttagebuch 1. Akt" wieder ein, der die fatalen Folgen bei mehrwöchiger Reparatur in Kombination mit meinem Gedächtnis mahnend erwähnte.
Zu spät!
Männer, Nervenkitzel, keine Kartons.....Mut zur Lücke!

Frage mich zudem, woher all die rostigen Bleche kommen, die man vorher so gar nicht aktiv wahrnehmen konnte.
Zum Glück erscheint Tine Wittler auf meiner Schulter, um adhoc in geistige Farbberatung einzusteigen.."Die musst Du lackieren, Meerescruisenmann"..
"Kotztütengelb und WennmanLeberwurstindieSonnelegt-grün sind gerade voll im Trend, dazu noch eine geringelte Zündkerz....." höre ich sie sagen,
dann breche ich unter der Last zusammen.
Später erfahre ich, dass man nach der Demontage des Benzinschlauchs nicht lange und tief einatmen sollte.
Gebe Wilson die Schuld! Hätte er sich endlich mal angekündigt, hätte ich doch das Garagentor einen Spalt offen stehen gelassen.
Keine Dämpfe - keine Tine.
Aber auch keine geringelte Zündkerze.
....
Wiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilson!!!!

30.06.:
Da liegt er, der Schurke!!

oder anders gesagt: Der Zylinderkopf ist draussen...der Motorraum entkernt.
Frau Wittler hat heute frei, ich habe dem Benzinschlauch seinen offenen Schlund gestopft!
Da Schurken dazu da sind, ergriffen zu werden, sollten die nächsten Arbeitsschritte wohl klar sein.
Suhle mich aber erstmal im Ruhm, den schweren Klumpen unter knarzenden Rückengeräuschen vom Auto auf den letzten freien Teil der Werkbank gehoben zu haben.
Das geht besonders gut, wenn Worte wie
"Hast Du etwa einen Kran?!" aus bewunderndem Frauenmund als nachträgliche Anfeuerung dienen.
Sehr empfehlenswertes Erlebnis für jeden, der sich ein mal wie der verschollene dritte, aber nicht minder eingeölte Klitschko-Bruder fühlen möchte.
"ooooooooh, und willst du eine Mialchrrrschnjittä?!"

Stelle fest, dass Milschnitte in dem Zusammenhang gefährlich doppeldeutig anmutet, schicke die Bekannte mit dem bewundernden Frauenmund lieber wieder an ihre Arbeit.

01.07.:
Obwohl ich bei "Boerne und Thiel" mehr Gemeinsamkeiten meinerseits zum kleinen dicken flitzenden Kommissar, als zum vornehm sezierenden Pathologen mit Stock im Arsch entdecken kann, filetiere ich den nun einsam vor mir liegenden Zylinderkopf so gekonnt, dass eben dieser Boerne schwer mit seiner Contenance zu kämpfen hätte.
Kein Spezialwerkzeug, keine Chemie, keine versteckten Kosten.
Der Motorenhimmel könnte nicht viel schöner sein, ich wage aber nicht, mich bereits in selbigem zu wähnen, obwohl die Schraubenfraktion mir diesmal wohlgesonnen scheint.

Es kommt, wie es kommen muss!
Im letzten Akt dieses Zwischenaktes spielt mein geliebter Motor seinen Trumpf aus: 
"er habe eben für sehr lange Zeit auf frisches Öl verzichtet, der Umwelt zur Liebe...nachwachsende Rohstoffe und so"
Leider kann ich die Rücksicht auf die Umwelt zu diesem Zeitpunkt nicht unterstützen:
Als ich tiefe Riefen und Kratzer in der final entnommenen Nockenwelle entdecke, wird mir so warm, dass irgendwo eine Polkappe schmilzt.
Weil das noch nicht genug ist, fällt mir als nächstes auf,
woher das Erdöl seinen Namen bezieht:
Wenn man nur lange genug wartet, verwandelt das Öl sich nämlich wieder in Erde.
Beschließe, dass der Vorbesitzer diesen Nachweis erfolgreich erbracht hat,
brauche nun aber einen neuen Zylinderkopf.
Dabei würde ich viel lieber Ersatzteile bestellen.


03.07.:
Sicher haben Sie schonmal versucht, einen Zylinderkopf für ein 29 Jahre altes Auto zu ergattern.
Wer auf Schmerzen steht und etwas Zeit mitbringt, sollte das auf jeden Fall mal versuchen.

Aber ich habe Glück - hier und dort findet sich doch ein Zeitgenosse, der das gebrauchte Stück Metall zum Freundschaftspreis aus seiner messie-ähnlichen Garage ausgraben möchte.
Die Stimme am anderen Ende des Telefons verabredet sich mit mir für Sonntag...
wird aber Samstagabend noch auf einem Familienfest zum Saufen gebraucht.
Uneigennütziger Typ!
Wer sich schonmal an Kleinanzeigen und deren Abholvorgängen verlustiert hat, weiß schon jetzt, was Sonntag kommen wird.
Für alle Anderen: nein, kein Fernsehgarten, keine Lindenstraße.

Aber hey, 70,- Euro Ersatzteilkosten locken meine geschundene Seele.
Wilson kann auch nicht intervenieren - er ist ja nicht hier.
Zwei Tage und diverse Liter Bier und Schnaps stecken zwischen Telefonat und "Termin", ein bisschen mulmig wird mir dann doch, obwohl auf meiner Haben-Seite null Promille zu verbuchen sind.
Mit eben diesen fahre ich los - 50km Anfahrt sind nicht zu viel für das Wohl meines treuen Kameraden, der nun schon seit einem Monat tapferes Garagendasein fristet.
Oh armer, alter, eckiger Kerl...Dein Retter naht!
Moment, Dein Retter schreibt eine whatsapp.......
Dein Retter schreibt noch eine whats....ehm, Dein Retter ruft mal an!

Was leidlich wenig nützt, wenn der vermeintliche andere Retter am anderen Ende der Leitung noch von seiner Selbstlosigkeit zehrt - oder anders gesagt:
Andi, der Zylinderkopfverkäufer, schläft den Schlaf der Berauschten.
An einem Sonntag um 14.30 Uhr.
Ich bin eben auch ein gutgläubiger Typ.


03.07. nach dem Rausch:
Nach einer einsamen Stunde auf dem Marktplatz eines mir bis dato nicht näher bekannten Ortes, sendet Porno-Andi* ein erstes Zeichen aus dem Wachkoma.
Leider bleibt dieser Absatz frei von Überraschungen, denn der Typ hat natürlich verpennt, muss sich noch anziehen, wäre in EINER Minute da.
Ich rufe schnell bei Jörg Wontorra an - meine Sendezeit in der nächsten Folge "Bitte melde Dich!" darf nun wieder anderen Witwen und Waisen zugewiesen werden.
Warum Andi plötzlich Porno-Andi heißt, interessiert den Wontorra aber wiederum nicht.
Kai Pflaume habe ich jedoch leider nicht in meiner Kontakteliste.
Verflixt.

Der goldene Benz mit den viel zu breiten Reifen, mit dem mein "Retter" nach 15 Minuten endlich um die Ecke geholpert kommt, könnte jedenfalls auch den Love-Caravan ziehen.
Wenn man so eine Ludenschleuder sonst ebenfalls nur auf der Mattscheibe sieht, wird so ein gestreckter Sonntagsverkaufsausflug zu einem durchaus traumatischen Erlebnis.
Es kommt, was kommen muss:
Der Typ, der dem prolligen Haufen Altblech entsteigt, gibt erstmal einen Auszug aus seiner Vita zum Besten.
Kleinanzeigenkäufer kennen §1 BKAKG (Bundeskleinanzeigenkompetenzgesetz) eines jeden Privatkaufs:
"Komme nie ohne Umschweife zum Geschäft! Erwähne stets zuerst das Furunkel von Omma....ihrer Schwester deren Großnichte 10. Grades! Ware? Das hat Zeit!"

Andi hat schon viele Autos repariert, blablabla und sein Zylinderkopf wäre natürlich total toll - mehr kann ich mir Marktplatz-mürbe auch nicht mehr merken.
Jetzt müssen wir nur noch zu seiner Garage fahren und mein Baby heben...
das Garagentor wird sich öffnen und mein zukünftiges Motorenschicksal besiegeln.
Excalibur!
Natürlich baut ein echter alter Kleinanzeigen-Hase den zugehörigen Ablauf dramaturgisch gewaltig auf - Andi dagegen ist einfach noch ziemlich hackedicht und deshalb langsam.
Er findet den Weg aber trotzdem, blinkt nur nicht an den entscheidenen Wegpunkten.
Bemerkt aber erst hinterher, als wir angekommen sind, dass er ja noch gar nicht fahren dürfe...
Ausserdem erfahre ich, dass er bloß "alles" verkaufen muss, weil seine Perle ihn rausgeschmissen habe.
Stelle fest, dass andere Typen einen Wilson noch viel mehr gebrauchen könnten!

Dann öffnet sich das Garagentor und spuckt den erwarteten Messie-Berg aus.
So, wie Andi zeitgleich ausspuckt, dass "man seinen Pimmel niiiiiiiiiiiie woanders reinstecken sollte - wenn man dabei erwischt wird." *Brüller!*
In einer dunklen Ecke entdecke ich fahl einen alten Zylinderkopf, muss aber seltsamerweise an "Milchschnitte" denken...



  ~.....to be continued~