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Sonntag, 2. August 2015

Werfttagebuch 1. Akt

...oder: Jetzt mache ich es mir selbst.

Ich bin ja auch ein handwerklicher Typ.
Wer aufmerksam mitgelesen hat, der weiß: Mein Dampfer ruht seit einigen Monaten in der Werft.
Böse Zungen würden behaupten: Mein Auto blockiert schon viel zu lange die Garage.
Dabei wollte ich doch nur die Zylinderkopfdichtung erneuern.
Das macht man so:
Zylinderkopf ab, fachmännisch gucken, "oha, das wird teuer!" denken, Kopf wieder drauf (also den vom Zylinder), Augen zu und weiterfahren.
Eigentlich kein Ding für einen Mann von Welt mit einer kleinen Auswahl an Werkzeug.
Auch von Welt.

29.05.:
Noch hat das Grauen keinen Namen. Zwar cruised es sich angesichts der gestiegenen Aussentemperaturen nicht mehr gänzlich unbeschwert, aber das kann bei so nem alten Auto ja mal vorkommen.
Um den drastisch steigenden Motortemperaturen entgegenzuwirken, darf man nur nicht anhalten. Fahrtwind ist toll und kostet nix - es ist vielleicht ein bisschen schwierig, das Rufen der entsetzten Passanten zu überhören, weil man ja auch mit komplett heruntergekurbelten Seitenfenstern fahren muss.
Ausserdem empfiehlt es sich, den Heizungsregler nicht aus seiner seelig schlummerigen Dezemberstellung zu wecken.
Während draussen schon der Asphalt flimmert, gehen im Innenraum des KFZ der Fahrer und ein im Handschuhfach schmelzendes Snickers eine optische Symbiose ein.
Ok, die Heizung läuft volle Pulle.

30.05.:
Da die geschilderten Umstände nun schon seit längerem andauern - alles begann damit, dass die Aussentemperaturen Ende Februar unerwartet über die 15°C-Marke kletterten - hole ich mir eine zweite Meinung ein.
Mein Kumpel meint, ein neues Fahrwerk würde nur unwesentlich dazu beitragen, keine rollende Sauna auf Rädern mehr bewegen zu müssen.
Möglicherweise wäre es nicht schlecht, die Ursache doch mal am Motor selbst zu suchen.
Recht hat er!
Entferne den Satz Tieferlegungsfedern und Stoßdämpfer aus dem Warenkorb und
bestelle noch in der Nacht nach dem Aufeinandertreffen einen kompletten Motor-Dichtungssatz bei amaz**.
Kostet nur 40,- Euro. Läuft!

05.06.:
Der Dichtungssatz ist da.
Gönnerisch lege ich die sensibel verpackten Papierdichtungen auf das Armaturenbrett meines stillgelegten Autos.
Alles wird gut. ...dazu sollte ich vielleicht bald mal anfangen.

07.06.:
Überlege, welche Ersatzteile ich noch gebrauchen könnte.
Vielleicht sollte ich schonmal bestellen.
Vielleicht fange ich aber lieber erstmal an...bald.
Nein, es ist nicht die Angst, das alles nicht wieder zusammengeschraubt zu bekommen.
Es ist der Respekt eines Mannes, der weiß, dass es später schwierig werden könnte, sich an jede Schraube zu erinnern, die man in einer mehrwöchigen Reparatur beiseite gelegt hat.
Ausserdem empfiehlt es sich, das Herz meines bislang eigentlich ganz treuen, wenn auch leicht verschwitzten Kameraden zuerst sachte zu demontieren.
Es könnte ja noch viel mehr kaputt gemacht werden sein.
Ich öffne die Motorhaube, dann folgt eine Dreiviertelstunde Selbstkasteiung, noch keine Ersatzteile zu bestellen.
Ich bin eben auch ein geduldiger Typ.

08.06.:
Hänge beinahe lässig im Vorbeigehen den Gasseilzug aus.
Bestelle keine Ersatzteile. Lobe mich ermutigend.

10.06.:
Auseinanderbauen ist ganz ok........ich erspare uns die Details.
Verkünde stolz, dass noch nichts kaputt gegangen ist.
Nur deshalb, muss ich noch keine Ersatzteile bestellen.

11.06.:
Das Auto ist der Meinung, dass ich ein Spezialwerkzeug brauche, damit es mir seine Kurbelwellenzentralschraube gibt.
Mir wird gewahr, dass man dieses Problem viel zu selten im Leben hat.
Sonst hätte ich ja ein Spezialwerkzeug - so wie wir alle, oder nicht?!

Finde das Werkzeug für 80,- Euro bei ebay.
Sinniere, ob das Leben einer Schraube mit Geld aufzuwiegen ist und wenn ja, mit welchem Betrag. Mit Naturalien wird man nicht weit kommen.
Ich schleiche um diese Anschaffung, wie Robert Redford um Demi Moore.
Aber es ist kein guter Tag zum Ersatzteile bestellen: im Internet stoße ich auf den Ratschlag, sich das Spezialwerkzeug doch bitte günstig selbst anzufertigen.
Vom Schwierigkeitsgrad soll das laut schrauberclown88 irgendwo zwischen "züchte Deine eigenen Flusskrebse" aus der Yps! und "my first pony" liegen.


14.06.:
Habe keine Lust auf Flusskrebse und ein Rohr habe ich auch nicht.
Frage meinen Kumpel per SMS.
Sein Rohr wäre nicht ganz rund, aber er könnte eins besorgen.
Das ist gut, ich brauche ein Stahlrohr, ca. 10cm lang, d=64mm und schön dick.
Er versteht mich.
Bevor ich irgendwelche Ersatzteile bestellen kann, muss ich dieses Werkzeug bauen.
Nehmen Sie Ungeduld wahr? Mitnichten.

17.06.:
Ich habe ein Rohr.

20.06.:
Judgement Day:
Mein Kumpel bringt mir das Stahlrohr mit.
Ich schneide mir eine schöne Scheibe ab - 9cm bleiben übrig und verrichten ihren Dienst fortan als Bleistifthalter mit metallischer Duftnote.
Ich flexe und schweiße, als gäbe es kein Morgen mehr.
Am Ende des Tages halte ich ein etwas in meinen Händen, das aussieht wie eine Kreuzung aus Lupe und Vorschlaghammer.
Schicke meinem Kumpel ein Foto, nachdem der lustig verbratene Metallklumpen noch in schwarze Farbe getaucht wurde.
Antwort: "Sieht professionell aus!".

"läuft viel zu gut", denke ich.
 Auch die Kurbelwellenzentralschraube ist verzückt.
Jetzt lässt sie sich so leicht öffnen, dass ich feststellen muss:
DAFÜR hätte ich gar keine Spezialwerkzeug gebraucht.
Schicke mal wieder einen netten Gedankengruß an den Vorbesitzer - Deine letzte Reparatur war sehr professionell, ich hätte mich aber vielleicht hier und dort nicht von der schwarzen Farbe blenden lassen sollen....

Kosten für die Braterei:
- ein bisschen Schutzgas
- eine halbe Trennscheibe für die Flex
- viel von diesen Dings, äh...Konzentration und Durchhaltevermögen
- Matt-Schwarz aus der Dose und 1,4 MB Traffic beim Verschicken der Bilddatei

Selfmade-Erlebnis:
- unbezahlbar




~.....to be continued~


Montag, 13. Juli 2015

Ferienprolog. Oder: Sauerkraut is' gefährlich

So, liebe Leserschaft, es ist auch für mich die sechste Stunde, also halten Sie ein.

Lieber wäre mir allerdings, das Bild vom letzten Tag vor den Ferien zu zeichnen.
Meist ein Mittwoch, der nur 3 Schulstunden hatte - in denen man mit dem Gefühl, nun eh nichts mehr ändern zu können, die Zeugnisausgabe abwartete und mit den Gedanken schon im sommerlichen Garten am Plantschen war.

Eigentlich sind hier keine Ferien, nicht in diesem Buch, nicht in diesem Blog, aber wenn der Autor schon nicht verreist, so mag er sich doch in dem Gefühl suhlen, zumindest imaginäres Fernweh zu schüren.
Sollten Sie diesbezüglich also zartbesaitet sein, schalten Sie weg, blättern Sie weiter.
Es gibt schöne dusselige Geschichten in dieser losen Zettelsammlung vom Cruisen ans Meer.
Mich beschleicht jedoch das Gefühl, dass wir hier trotz dieses prägnanten Titels noch nicht einmal ans Meer gefahren sind.
Wer aufmerksam gelesen hat und mir die richtige Lösung bringt (ok, wir waren noch nie am Meer hier *grml*), bekommt ein Sternchen ins Leserzeugnis...und eine Portion Sauerkraut extra.

Ja, Sauerkraut - der heilige Gral dieses Internetfleckchens.
Oft genannt, selten verwurstet. Vielleicht ist es jetzt so weit, denn für mich ist Sauerkraut so eng mit Urlaub verwoben, wie Fuerteventura mit dem schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens.

Sauerkraut is' gefährlich.
Das gilt nicht nur, wenn man sich in die Lage des Lehrlings versetzt, der seinem - sagen wir - verdauungsauffälligen Seniorchef treu die Leiter halten "durfte", nachdem dieser wie so oft  von einem opulenten Mittagsmahl aus seiner Lieblingsgaststätte zurückgekehrt war.
Man sagt ja, dass Gase schnell verfliegen, in die Atmosphäre abziehen.
Und ganz vielleicht wird das hier ein kleines bisschen unapettitlich,
aber bei Reinholds Sauerkrautgasen war das irgendwie anders.
Die Leiter konnte noch so lang, der Wind noch so frisch sein: der Untenstehende (in dem Fall...ich) wusste immer, dass in Reinholds Dünndarm Bratenparty war.
Wenn jetzt Chemiker unter uns sind, lässt sich ggf. analysieren, ob mein Chef nicht auch ohne Leiter an die Objekte seiner Reparaturbegierde gelangt wäre..also mittels Gasfüllung.
Aber das würde dem Ganzen ein zu wissenschaftliche Note verleihen.
Ausserdem hätte dann auch jemand unten stehen müssen, der jenen menschlichen Gasballon festhielte und nicht freudig mit den anderen Gasen in oben genannte Atmosphäre fahren lassen würde.

Stellen Sie sich also am besten einfach weiter einen kleinen alten Mann vor, der auf einer mittelhohen Leiter ein Schild an sein Firmengebäude schraubt, eine Fahne aufhängt (das ist beinahe zweideutig zu verstehen), eine Glühlampe wechselt..
oh ja, es gibt so viele Möglichkeiten, wo man als Lehrling das untere Ende einer Leiter beschweren muss, ohne dabei seiner eigentlichen Tätigkeit nachzugehen.
Irgendwann pupste sich Reinhold in die ewigen Jagdgründe, da musste ich aber schon keine Leiter mehr halten.
Sei's drum.
Sauerkraut ist gefährlich;
vor allem, wenn es einen am weit entfernten Pool auf Fuerteventura wieder einholt.
Man ist nirgends sicher vor dem Zeug.
Selbst, wenn man mit geschlossenen Augen in der Sonne brutzelt, die noch durch den Sonnenschirm Lichtschutzfaktor 95 erfordert...noch von den letzten Zeilen eines guten Buches träumt, sich anschickt, bald das kühle Nass des naheliegenden Schwimmbeckens aufzusuchen und dann von einer Stimme im besten Mainzer Fassenachts-Dialekt endlich zum heiligen Gral geführt wird.
Eine Situation, in der man besser einfach weiter wegschaut, aber umso gespannter zu lauschen beginnt, auch wenn man sonst nicht auf Büttenreden abfährt.
Sauerkraut ist also auch gefährlich, wenn man nur Urlauber ist.
Das weiß ich spätestens nach dem 17-minütigen Monolog, den dieser Miturlauber, den ich tatsächlich nie vor Augen, aber immer stimmlich präsent habe, anderen mitbratenden Urlaubsgenossen vortrug.
Junge, konnte man da viel von Herzinfarkten und schlimmen Winden erfahren, Kardioligen, Kernspinsauerkrautographen.
Oder kurz:
Urlaub auf Furzeventura. 
Meine Poolnachbarn könnten Ihnen allerdings ein besseres Lied davon singen, denn die wurden ja persönlich belehrt.

Ich habe mir nur gemerkt, dass Sauerkraut gefährlich ist.
Spätestens, wenn diese ominöse Karnevalszeit wieder beginnt, fällt es mir wie Rotkohl aus der Hose:
Ein Satz im Meenzer Dialeggt reicht aus und der Sauerkraut-Mann entspringt aus seinem salzig-Sauren Sauerkraut-Topf.
Barbäuchig tritt er hervor, baut sich medizinisch erfahren unter der heißen Sonne Spaniens auf, ist natürlich nicht eingecremt, und sagt dann diesen abschließenden Satz, der nicht in meinem Poesiealbum des Lebens, aber im Sauerkrautkeller eingemeißelt steht:
"und seit dem weiß ich:
Sauerkraut is gefährlich!"

Nun, das wussten Sie jetzt schon, aber das ist es, DAS ist die Sauerkraut-Story.
17 Minuten Urlaub meines Lebens, bumms: traumatisiert.
 Hätte der gute Mann bloß noch eine Leiter dabei gehabt......


Sommerlichst,
Ihr/Euer/Dein

Mann.im.Meer



Sonntag, 14. Juni 2015

Marmorkuchenpotpourri

Manchmal bin ich auch ein geselliger Typ.
So mag es dann vorkommen, dass ich unumwunden ein paar Kilometer fahre, um gute Freunde zu besuchen oder solche, die es schon immer waren werden wollen -
da machste nix.
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich auf den fluffigsten aller Marmorkuchen eingeladen werden sollte.
Oder vielmehr: Eine arme verzweifelte Gelegenheitsbäckerin aus weit entfernten Gefilden rief zum gar ritterlichen Wettstreit, einen Marmorkuchenvergleich anzustreben.
Das konnte ich mir nicht entgehen lassen.
Beinahe ungewohnt tiefentspannt nahmen Ross und Reiter die üppige Strecke auf sich, in der Gewissheit, dass man sich nach t +- X Jahren des gemeinsamen Gedankencruisens irgendwie doch schon kennt.
Dennoch überlegt sich mein höflicher Geist im Stau auf der überaus inspirierenden Autobahn 5 - danke nochmal an die Schilder mit den anschaulich wartenden Geiern:
"Raser - Hier lauert der Tod!" oder
"Papi, fahr nicht so schnell! (Die Mama hat noch Besuch)"
- bereits freundlich vertraute Begrüßungsformeln.
"Moin, ich bin dann auch mal da..", "Schönen guten Tag" und, jetzt kommt mein Favourit: "...Hallo, hmpf!"
Eben was Einem in drei Stunden Stau eben so maximalmöglich einfallen kann.

"ICH BIN ES! DERrrr MIT DEM MEER CRUISED" intoniere ich inbrünstig, als wollte ich Hamlet vortragen während sich die Haustür öffnet.
Läuft!
Das die Tür geöffnet bleibt und sich offenbar jemand auf den Besuch von so nem Bekloppten eingestellt hat, bestärkt mich in der Annahme, schon beim ersten Versuch an der richtigen Stelle gebrüllt zu haben.

"hey, schön dass Du da bist, ich warte schon man!"
Die Begrüßung fällt trotz meines winnetouartigen Kurzvortrages geradezu engelsgleich aus, ich frage mich bereits an dieser Stelle, ob ich das verdient habe und wo nochmal dieses Dings war.
Also dieses befremdliche Gefühl. Naja, muss ja auch nicht, denn ich komme in Frieden.

Galant trete ich vor, soweit man davon sprechen kann, wenn ein Mann im besten Alter mit Stefan-Raab-Turnschuhen und wehendem Hemd vorsichtig federnd frisch parkettierten Flurfußbodenbelag einnimmt.  
Notiz an mich: noch so ne Torsten-Sträter-Gedächtnismütze dazu und der Auftritt wäre von der rauhbeinigen Seite her aber mal richtig unschlagbar!
Schöner Fußboden, holzig im Abgang - da wird Wohlfühlen leichtgemacht,
und Angst haben, dass hier irgendwo der Wurm drin wäre, brauche ich auch nicht.
Wird mir zumindest klar, als ich entspannt die ersten Wollmäuse entdecke, die sich fröhlich in die Ecken kuscheln. Kein Wurm der Erde hätte Bock, sich mit solchen Mäusen in die Wolle zu kriegen - Chapeau!

Im Begriff, der liebenswerten Gastgeberin und Herausforderin (das soll ja nicht vergessen werden!) zu folgen, werden meine Beine plötzlich schwer wie Blei.
Da schlägt sich die ausufernde Anfahrt nieder?
Gar der Treppenhausvortrag, der mir noch in den Knochen steckt?
Oder die Tatsache, dass ich meine Backzutaten nebst Backofen selbst mitzubringen gedachte?
Mitnichten. Ein Blick am Ofen vorbei, den ich kippelnd auf meiner Schulter jongliere, was eine herzlichere Begrüßung auch denkbar schwierig gestaltet hätte, zeigt mir, dass auch der Dreimix zwar immer noch galant in meiner Hosentasche verkeilt am Mann ist, sich zu jedem Betonbein jedoch ein grinsendes Kindergesicht gesellt hat.
Bevor ich wie so ein Transformer versuche, die geradlinige Bewegung der Flurbegehung fortzusetzen, entfahren mir so Dinge wie
"Potzblitz! Mir dünkt, ich hätte Beine aus Beton!" und "Ich sehe was, was du nicht siehst......und wie heißt ihr denn eigentlich, Klammeräffchen 1 und 2?"
Meine Beine kichern, bzw. das, was aus ihnen geworden ist!
Kind 1, unmissverständlich der Mann im Haus kneift mir in den Oberschenkel, als wollte er direkt mal sein Revier markieren.
Das ist der Moment, an dem sich das Einmachgummi, mit dem ich das Nudelholz an meinem Gestelz für den Transport befestigt habe, schon zum ersten Mal auszahlt.
"Ich bin der Interruptus", piepst die Stimme zu mir hoch, grinst mich schelmisch an, zeigt auf Kind 2, am Bein rechts zu finden, "und das ist Mia!"

"Angenehm" entfährt es mir viel zu weltmännisch, aber mein Hirn ist auch gerade damit beschäftigt, erleichert zu realisieren, dass Mia eher still und nicht so kneifend agiert, was dem Bein, für das weder Einmachgummi noch Nudelholz vorgesehen waren, nur zu Gute kommt!
"Wer bist Du und was willst Du hier?!" will Interruptus stante pede wissen.

"Moin, ICH BIN ES! DERrrr MIT DEM MEER....oops, ich meinte: hey, ich bin der Meerescruisenmann und besuche Deine Mutter, damit wir ein paar amtliche Marmorkuchen.."
"Orr, Kuuchen" piepst Mia begeistert von rechts dazwischen und kneift mich ins Knie.

Schöne Sch...okolade, da hatte ich mich doch nicht so gut vorbeireitet.
Ich hätte mir die Mehltüten wie geplant als Knieschoner auftackern sollen, aber da war es halt zu spät. Und überhaupt, wieso heißt eigentlich nur der junge Kneifer zur Linken "Interruptus"?!
Eine Antwort lautet natürlich: Weil Interrupta einfach scheiße klingt.

"So ihr zwei, kneift Euch mal schön fest, ich will mal meine Beine heben und der Mama folgen"
"ey, du bist bei Twitter" - der Interruptus scheint bereits mit allen Wassern gewaschen;
Ich frage mich noch, wie das Kind eigentlich sonst zu seinem Namen gekommen sein könnte - etwa, weil der Postbote "zwischendrin" eigentlich schnell wieder weg musste? (ja, der dauert!)
Schiebe die Gedanken aber schnell beiseite, meine Energie wird fürs Vorankommen gebraucht und so setzt sich der Tross ächzend und kichernd in Bewegung.
Interruptus schüttle ich bereits auf Höhe der Kinderzimmertür ab, als irgendwo ein mobiles beapfeltes Endgerät lustige Töne von sich gibt.
Wie ich später erfahre, kann man hervorragend irgendwas mit Süßigkeiten und Unfällen drauf zocken.
Die Tatsache, dass der Kleine sich gekonnt durch den Jeansstoff am Einmachgummi festgehalten hatte und beim Abflug in sein Zimmer genau jenes Gummi schnalzend auf meinen stahlharten Schenkel schlägt, macht den Abstieg Mias zu einer physikalischen Leichtigkeit.
Der enorme Rückschlag befördert sie sanft in die genau gegenüber offen stehende Tür, wo lustige selbstgemalte Bilder an der Wand hängen und ein Bett steht, dessen riesige Unterbauschublade wie eine zum bersten gefüllte Wasserbombe zu wabern scheint.
Auf einem Bild: eine Frau, von Raben an Seilen getragen - eine Art nicht-vegetarischer Freiflug, das ist doch mal was!
Erleichtert stelle ich fest, dass Mia weich auf eben jenem Bett gelandet ist und beschließe, dem Ofen erstmal ein Nickerchen zu gönnen.
Schließlich will der mit mir später noch den Wettbewerb gewinnen, da zählt jedes Watt.
Ausserdem ist auf der Matratze noch Platz genug und das schwedische Möbelhaus hat neuerdings Verzurrösen an Bettgestellen serienmäßig ins Programm aufgenommen - da wird mein treuer Gefährte nicht mehr abhanden kommen!

Wer so herzlich aufgenommen wird, traut sich im nächsten Schritt in die Küche vor.
Meine inzwischen alte Bekannte - der Weg durch den Flur war immerhin weit und beschwerlich - begrüßt mich am Ort des großen Wettkampfgeschehens erstmal mit einem Aperitif:
Was da auf meinem Teller liegt, sieht aus, wie zwischen zwei Eierkartons eingeklemmtes Nutella.
"Hier, für Dich - Du weißt doch, das was ich mit Susanne immer vernichte"
und sie weist auf ein Bild an der Wand: Zwei Frauen prosten sich mit Mädchenbier zu und schieben sich jeweils einen großen langen
Nutella-Brotklumpen in den Mund.
"hmpf!" sage ich und simuliere mir im Mund zusammenlaufendes Wasser "iff daff dieffef...Nutella-Bready(tm)....dass Euch regelmäßig die Sicherungen aus der Mütze haut?!"
Und wenn sie das auch nicht kennen, googlen sie das mal - das erste Ergebnis brachte zu Tage, dass man das Zeug "Ladeplatten"-weise ordern kann, wenn man mit Western Union bezahlt. Da ich immer mit Eastern Inkasso bezahle, konnte ich das leider noch nicht testen. Anmerkung des Autors.
 
Der erste Biss in den Pappkarton ist nicht schlecht...ich grinse noch debil,
danach verschwimmen die Ereignisse schemenhaft.

In meinen Erinnerungen wird mein Marmorkuchen natürlich eine Wucht - das war überhaupt nicht anders zu erwarten bei DEM Equipment.
Selbst das siegessichere Zungeschnalzen meinerseits habe ich noch im Ohr, als die Herausforderin verzweifelt versucht, erste Zutaten aus dem schmalen Küchenschrank zu angeln, den jemand so vorbildlich montiert hat, dass zwischen den Wandvorsprung zur Linken und die geöffnete Schranktür zur Rechten nur ein sehr langer Arm passt und man blind fuchteln muss, am besten dann aber zu einem der Kinder greift, um dieses einfach komplett in den Küchenschrank zu schicken.
Schokoladenverschmiert würde es dann zurückkehren und beteuern:
"Mama, da ist keine Glasur mehr...und kein Kakao...und ich kann morgen auch nicht in den Kindergarten gehen" harr harr!

Der Kuchen, den ich anrühre, das ist der Siegertyp, der gute aus dem Dr.Oetker-Schinken von Backbuch anno 1981.
Da können neumodische Mixturen halt einfach nicht mithalten.
Ein Blick ins Buch offenbart übrigens, dass ich das Nudelholz tatsächlich völlig umsonst eingepackt hatte.
Gleichzeitig gebe ich zu, dass ich schonmal trockeneren Kuchen gegessen habe, während ich das letzte Stück vom Konkurrenzprodukt verschlinge; naja, nicht umsonst nennt man das seit dem Millenium nicht mehr "mimimimim verloooooren!" sondern sowas wie "Yeah, zweiter Sieger"!

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Als ich wieder aufwache, weiß ich noch sicher, dass ich den Backwettbewerb eiskalt gewonnen habe.
Marmorkuchen-geschwängerte Luft in der ganzen Wohnung ist der beste Beweis für meine weltmeisterliche Leistung.
Auch die Tatsache, dass mein Ofen im Schlafzimmer an der Decke hängt, stimmt mich nur kurz nachdenklich, denn immerhin scheint jemand den Schubladenverschluss von seinen Qualen erlöst zu haben.
Wenn das mal nicht auch ich war..
Verzweifelt halte ich nach dem kleinen Coitus Ausschau, rufe den Namen 3x Hamlet-mäßig  durch die Wohnung, überlege dann, dass mein Namensgedächtnis in etwa von der Qualität meines Zahlengedächtnis ist und halte ein.
Dann kommt schon Interruptus um die Ecke geschossen.

"Na, kleiner Mann?! ...ich hatte wohl einen...Süßigkeiten-Unfall, Du kennst das von Deinem I-Phone und äh, wo ist Deine Mama?"

"hey ho, Häuptling!" schallt die vertraute Frauenstimme aus dem Türrahmen, "ich bin doch hier! Du hattest - sagen wir - einen kleinen Ausfall als es ans Glasieren ging".
Und ihr Lächeln hatte etwas Süffisantes.
"Ich weiß ja nicht, was Dr. Oetker dazu sagen würde, aber Dein Rezept kam mir bald ulkig vor....damit angefangen, dass wir üblicherweise nicht im Schlafzimmer backen, aber da habe ich Dich noch machen lassen.
Auch das mit der Schublade war noch ok, ich meine, Du kennst Dich ja hier nicht aus und da habe ich Verständnis, wenn Dir ein wirklich nützliches Utensil fehlt, bei all dem Schrott, den Du so mitgebracht hast.
Aber als ich dann wieder reinschaute, während MEIN Kuchen schon duftend im Ofen dampfte, und Du im Begriff warst, Deinen Teig mit meinem Vibrator zu verrühren, da hätte ich echt einschreiten müssen! Leider kam Interruptus dazwischen und ich konnte Dich erst stoppen, als Du mit meinen Nippelklammern und zwischen den Zähnen eingeklemmter Zunge die Gummibärchen auf dem Kuchen platzieren wolltest.
Und ich frage jetzt noch NICHTeinmal, wer den Ofen da hochgezogen hat, bevor Dich der Zuckerschock endgültig dahinraffte!"

Ja, und da kann ich Ihnen sagen: Nutella ist gefährlich.
Das haben Sie jetzt auch erkannt.
In diesem Moment wünschte ich mir, die Raben mit den Seilen kämen und würden mich zurück zum Auto fliegen, das ich neben einem riesigen Haufen Grasschnitt geparkt hatte, aus dessen Rand schmerzverzerrt eine viel zu kleine Komposttonne ragte.
Der Deckel der Tonne würde sich leicht öffnen und ein Wurm mit ner Fresse wie die Grinsekatze würde sagen:
"Alter! ich muss flüstern, wegen der Wollmäuse..Du weißt schon! aber steiler Kuchen man!"...Und dann gäbe ich Gas.

So aber liege ich überbacken am Boden, starre auf das verklebte Sexspielzeug, den baumelnden Ofen, Gummibärchen, die wie von glänzenden Metallklemmen massakriert scheinen und sage:
"Du, ich muss Dir mal was erzählen, sags dem Interruptus und dem Dr. Oetker nicht, aber:

Rezepte werden völlig überbewertet"



In diesem Sinne:
Laden Sie mich nicht zu einem Backwettbewerb ein (wenn Sie keinen Deckenhaken besitzen) und denken Sie abstrakt!

Fluffigst,
Ihr/Euer/Dein

Mann.im.Meer