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Montag, 9. Januar 2017

Ans Meer fahren - Winteredition

Januar, Februar, März, April - ich fahr ans Meer, weil ich das will.
Mai, Juni, Juli, August - fahrt Ihr doch hin, hab keine Lust.
September, Oktober, November, Dezember - die Tage sind kürzer, ich will wieder hin da.

Ein Mann muss ans Meer.
Warum ich diesem inneren Rufe lieber nicht zur Hauptsaison folge, sondern so Wintermonate bevorzuge..und ein bisschen Frühling und Herbst, geht Sie schonmal gar nichts an.
Ich erzähle trotzdem davon, so rein vor mich hin, es macht sogar Sinn.
Für mich zumindest.
Wobei zunächst festzuhalten wäre, dass das Wort "Winter" gegebenenfalls völlig falsche Assoziationen für handelsübliches Kopfkino vorgaukelt.
Wenn der Winter hier seinen großen Auftritt hat, so handelt es sich in jedem Fall um einen ganz doll typisch neudeutschen Winter.
Schnee, Eis, Ski und Rodeln gut - vergessen Sie das!
Es heißt ja nicht umsonst "VäterCHEN Frost", denn die fetten winterlichen Jahre sind schließlich schon seit 1988 irgendwie vorbei.
(Ironischerweise fröstelt das Väterchen zur Zeit der Niederschrift dieses kleinen Pamphlets zum winterlichen ans-Meer-fahren ganz ordentlich herum. Skandal!)

Also, Winter am Meer:
Grau.
Nass.
Mild.
Bisschen Wind.
Ebbe.
Diesig.
Das volle Programm - warum andere da nicht ans Meer fahren.
Chapeau! (nein, das ist kein Friesisch)

Ich erwische an einem Dezembertag im Legenden-Jahr 2016 natürlich genau so einen Tag voll winterlicher Kriterien.
Jeder ordentlich studierte Tourist würde eine Anreise unter solch widrigen Bedingungen natürlich vermeiden.
Es ist irgendwas nach Nikolaus und man kann schon zuhause ungefähr nur hundert Meter weit gucken.
Bodennebel deluxe! (nein, das ist auch kein Friesisch)
"Die südliche Nordsee - Land im Nordwesten", so hämmerte es mir ein alter Aufkleber, den ich in meiner Kindheit auf die Curver-Box mit den Legosteinen geklebt hatte, ein, freut sich trotzdem auf ein Date mit mir.
Südliche Nordsee...verdammt, das fand ich irgendwie immer schon widersprüchlich.
Wahrscheinlich kreist dieser Begriff nun seit ich lesen kann durch meinen Kopf und erst jetzt kann ich mich richtig damit auseinandersetzen.
Südliche Nordsee klingt jedenfalls verdammt logisch, wenn man schonmal auf Sylt war - nördliche Nordsee, vermute ich!
Aber "südlich" stört mich trotzdem.
Vermutlich, weil es mich immer nach Norden zieht. So!
Jedenfalls lacht sich die Tourismuszentrale Ostfriesland heute noch leise ins Fäustchen, für diesen mich prägenden Werbeslogan.
Es ist vermutlich der einzige "Satz", den ich wie aus der Pistole geschossen aufsagen könnte, wenn man mich nachts mit dem Wort "Parole?!" aus den Deichträumen zu wecken gedächte.
Gedenken würde?
Gedenktete.

Aber eigentlich waren wir ja schon on the road, oder?
Um das mit dem Aufkleber abzuschließen: Irgendwann ergattere ich noch ein überlebendes Exemplar bei ebay.
Mit 5,- Euro ist man dabei. Dann suche ich mir einen freien Platz auf der Heckscheibe meines meerescruisenden KFZ und verwirre andere Menschen.
Jetzt hören wir allerdings mal mit diesem Aufklebergedöns auf - der klebt ja an mir, wie der Nebel, der mich schon beim Losfahren leise grübeln lies, ob sich denn das Wetter weiter nordwärts noch ändern möge.
Lustigerweise kenne ich die Antwort immer relativ bald. Man muss nur ein paar Kurven nehmen, dann auf die Autobahn auffahren, und weitere zehn Minuten und einen steilen Berg später folgt auch schon die Gewissheit, ob man die Suppe hinter sich lassen kann oder nicht.
Heute gehts um dieses "nicht". Verflixt.
Aber da heute der einzige Tag ist, an dem sich ans-Meer-fahren in allen weiteren vorhandenen  Belangen wenigstens noch richtig anfühlt, erzähle ich mir selbst, dass sich das Wetter am Meer ja immer schnell ändern kann.
Fahr einfach weiter, min Jung (ist das Friesisch??)!
Freiheit, Möwen, Watt und Wind,
auch bei Nebel seelig sind!

Ausserdem habe ich ja eine Mission.
Vom Christkind wünsche ich mir eine Windmühle.
Ich habe vor, im neuen Jahr unter die Windmüller zu gehen, so richtig vor Mehl und Korn -
na fast wär man nun drauf reingefallen! Haha.
Nein, vielmehr - so sehr ich mich auch nicht wie sonstige Touristen fühlen will - ist das bloß ein blödes aber sentimental anmutendes Spielzeug für den Garten.
Sie wird hübsch aussehen, sich im Winde drehen und dabei leise das Lied Ostfrieslands
hauchen. Das alles in Format eines 1A-Standgebläses.
Ich denke, da hat man schnell vor Augen, um was es sich handelt.
Müllerei ausgeschlossen.
Aber um nicht zu sehr abzuschweifen:
Christkind hat viel zu tun, ich werde mir das Mühlchen selbst organisieren um es dann
hübsch verpackt unterm Tannebaum an mich zurückschenken zu lassen.
Der Plan ist grandios.
Nicht so grandios ist der Gedanke, dass ich zu spät losgefahren bin. Echte Touristen wären viel früher gestartet - harr, das ist ein Zeichen!
Denn abgesehen von der Windmühle und dass ich ein "paar" Kilometer fahren muss, will ich ja eigentlich gar kein Tourist mehr sein.
Das, was ich da gerade vorhabe - ebenfalls abgesehen von der Windmühle - habe ich zwar erst so 3-4 Mal gemacht, fühle mich aber schon wunderbar heimisch.
Weil ich es so will?
Weil ich es so will.

Vermutlich ist auch das eine Erklärung, warum man(n) zu solch ulkigen Zeiten ans Meer fährt:
Da ist einfach niemand.
Keine bunten Touristen, die sich von Möwen ihr Fischbrötchen klauen lassen.
Kein Fähr-Stress, keine Kutschfahrten mit Softshell-bejackten Mitt-50er-Pärchen, kein Drängeln und Rasen auf ostfriesischen Landstraßen, kein Hupen und Klagen in Norddeich beim Parken.
Nö.
Ostfriesland, mein Auto und ich.
Mein Deich, mein Hafen, mein Watt.
Wenn ich Glück habe, auch "mein Wasser". Aber wir wollen mal nicht zu anspruchsvoll werden.

Wasser jedoch ist das Stichwort!
Aus meiner reichhaltigen Ausflugserfahrung weiß ich: Ca. 30 Minuten vor Ankunft an der Küste, wird ein Schiff kommen...
werde ich schiffen müssen. Ersteres ist zwar wahr, aber Letzteres ist leider wichtiger.
Schiffe kommen und gehen, Toiletten in Ostfriesland jedoch sind Mangelware, das ist mal Fakt.
Es lohnt sich auch nicht, vorher rechtzeitig noch auf der Autobahn eine der wenigen Raststätten anzufahren, denn da muss man ja noch nicht.
Nein, den gemeinen Autofahrer drückt es erst, wenn da nur noch Straße ist - und dann besonders.
Als Frau wäre Mann vermutlich völlig verloren!

Straße und Dörfer...Dörfer mit Tankstellen, die schon beim Vorbeifahren signalisieren
"Für Deinen Zapfhahn ist hier kein Platz!".
Und so passiert es mir doch jedes Mal, dass ich hoffend weiterfahre, um dann festzustellen, dass immer noch kein Wald in Ostfriesland gewachsen ist.
Genau deshalb fahre ich hier ja aber eigentlich hin - es ist platt, es ist weit, es ist groß,
aber man kann weit und breit nicht mal eben Pipi machen.

Und an die Stelle mit dem Windmühlenverkäufer erinnere ich mich auch nicht mehr so genau.
Das ist irgendwie schlimmer, als der Nebel, der auch hier noch über den Wiesen und zwischen den Windrädern liegt.
Die winken zumindest mit ihren Rotorspitzen (man sagt wohl auch "Repeller" oder so. Aber auch das wäre kein Friesisch..) immerhin unter der grauen Suppe hindurch, als wollten sie sagen:
"Also wir sind da. Willkommen zuhause, entspann Dich."
Würde mir natürlich mit 4 Atü weniger Druck auf der durchaus männlichen Blase wesentlich leichter fallen.
Rückblickend darf ich nun vorgreifend behaupten, dass sich auch diese Situation in Anlehnung an vorherige Besuche klassisch löste:
Nur ein paar hundert Meter vor dem Ziel (Windmühlenmann) biege ich nach kilometerlangem Spähen und Flehen einfach von der Landstraße ab.
Um dann noch gefühlte drei Kilometer weiterzufahren.
Die Ostfriesen bauen Straßen ohne angrenzende Feldwege, es ist zum Verrücktwerden.
Hofeinfahrten dagegen können sie prima!
Aber da hätten Sie doch auch was dagegen, wenn jemand in ihre Hofeinfahrt einbiegen und da irgendwelche Mitbringsel aus der körpereigenen Destillierungsanlage ablassen würde, oder?
Ausserdem sind da auch nie Bäume.
Ich brauche Bäume beim Pinkeln. Oder einen Sichtschutz - man kommt sich sonst irgendwie bescheuert vor, so frei aufm Feld.
Ich kann da auch nicht.
Ich, ich, ich.
Muss mal.

Ich muss mal, aber saudringend, ist jedoch schlagartig vorbei, wenn sich ein kleines Buswartehäuschen zu Beginn einer äusserst langen Hofeinfahrt auftut.
Das ist die Chance des kleinen Touristen. Beim Pipimachen bin ich Tourist, da muss ichs sein, da hält man an, so will es das Gesetz.
Sonst ist es in Ostfriesland ja eher still. Wir erinnern uns, dass immerhin Anfang Dezember ist und eigentlich niemand ausser mir auf die Idee kommt, da heute herumzufahren und nach stillen Örtchen zu suchen.
Der Buswartehäuschenstop fordert dennoch eine Gedenkminute - zu aufwühlend ist das Rauschen der drei Fahrzeuge, die in loser Reihenfolge die angrenzende Straße passieren, und zu laut das Kopfkino von ostfriesischer Kinderschar, die hier jeden Moment mit dem Bus angebraust kommt, um fröhlich die geliebte, lange Hofeinfahrt entlangzuhopsen.
Immerhin ist es schon fast zwölf Uhr mittags!
Wie von Zauberhand kann ich nun - Gedenkminute vorbei - trotzdem aus vollen Rohren laufen lassen, was schon so lange laufen gelassen werden wollte.
Das klingt nun befreiender, als es sich anfühlt, wenn einem zeitgleich einfällt, wievielen Zugereisten es an dieser Stelle wohl schon so erging und dass der Windmühlenmann bestimmt gleich Mittagspause macht! Oder "Siesta", wie der Ostfriese sagt.

Abschütteln (die Gedanken!), Motor an, jetzt geht der Kurzurlaub in die nächste Runde.
Und dank der architektonischen Struktur nördlichen Straßenbaus, finde ich natürlich auch den Weg zurück mit Leichtigkeit. Das waren immerhin knappe sechs Kilometer Umweg, die ich im Nachhinein aber, wie immer, einfach verdränge. Ich bin doch zum Spaß hier!

Der Windmühlenmann dagegen natürlich nicht.
Für ihn ist das Arbeit, die Windmühlen und die ganzen lustigen Nordseefiguren zu verkaufen, die da am Nippes-Strich so kurz vor der Küste die Straße säumen und unschuldige Touristen anlocken.
Wahnsinn, der Typ macht gar keine Mittagspause, der lässt sich einfach von der Türglocke seines Ladens - eine stillgelegte Gaststätte - aus seinem warmen, nach Schnitzel stinkenden Wohnzimmer, herausklingeln.
Ich habe mir natürlich vorgenommen, ihn im Preis zu drücken, wenn ich etwas Passendes für mich finde. Winterpreis und so, hoho!
Der wird mich natürlich sofort als Tourist und mit den Worten "na, schon Pipi gemacht?
Kost' 5,- Euro...oder warste schon bei Freesen anne Bushaltestelle?!", entlarven.
Ich sollte mein Kopfkino zügeln und einfach ganz normal einkaufen gehen.
Also kommen wir nochmal rein: stillgelegte Gaststätten-Tür, Klingelingeling, Türknarren vom anderen Ende des Flures, "Moin".

Es folgt ein nicht nennenswerter Monolog meinerseits über so einen Windmühlenwunsch.
Das Wort "Wunsch" ist an dieser Stelle schon ganz ganz schlecht für eine Preisverhandlung, aber das wussten Sie sicher, als alte RTL2-Zuschauer. Sie Schlingel.
Zurück zum Geschäft! Natürlich habe ich die Preise, die draussen am Straßen- pardon "Nippes-Strich" angemalt waren, übersehen.
 Wieder ein Punkt für den Ostfriesen; ich bin eben auch ein dummer Tourist.
Er hat Windmühle rot, hat Windmühle blau, hat Windmühle quietschgrün, hat Windmühle groß,
Windmühle klein.
Und natürlich ganz viel von dem anderen Zeug. Bemalte Holzbretter, Möwen mit Mütze und buntes Zeug, das mit dem Norden nix zu tun hat.
Es fehlt allein am Pilsumer Leuchtturm, original abgewickelt aus legendärer Klopapierrolle.
Seine gute Nachricht ist, dass so eine Windmühle jedenfalls nun aus Kunststoff hergestellt wird.
Ich wollte Holz. Früher waren die aus Holz! Irgendwo in meiner Verwandschaft vegetiert noch so ein Exemplar vor sich hin, sonst wüsste ich ja gar nicht, dass es sowas hier gibt!

Naja gut, ich bin nun auch ein kompromissbereiter Typ.
Und so merkt man auch an diesem Punkt, dass es mit der Preisverhandlung für mich schlecht aussieht.
Ganz ganz schlecht.
"Werden die denn wenigstens hier (in Ostfriesland) gebaut?", versuche ich den dicken alten Mann ein bisschen mit Smalltalk auf den bevorstehenden Preiskampf einzunorden (hihi!).
"Nö. Die kommen aus Polen."

Ernüchternd.
Und schon beginnt das große Feilschen:
"Wie war nochmal der Preis?"
"59".
"Gut."
...
"Ich nehme die rote."
"Jo."

Naja, und dann muss ich ja nur noch triumphierend meine Beute ins Auto schleppen und auf dem Beifahrersitz abstellen.
Ab sofort fahre ich also nebst Windmühle in drei Teilen die restlichen Kilometer bis zum Meer.
Dass ich das dann tatsächlich auch noch gesehen habe,
dass ich an diesem Tag auch gar nicht mehr Pipi machen musste,
und wie erotisch man im Fisch-Schnellrestaurant meiner Wahl die Bestellnummer über die Lautsprecheranlage haucht (*schnarz*"die 69 bihitte!" *kchrkchrkchr*), lesen Sie dann vielleicht beim nächsten Mal.

War schön da.

Friesischst,
Ihr Deichträumer




  



Donnerstag, 10. November 2016

Ich glaub, es geht doch wieder los...

Subtitel:

Lindgren, Sträter, Strunk - Schpunk!



Tja nun,
beginnt angesichts dieses hervorragend kreativen Titels dieser Text nun mit einem Ohrwurm, so hat der Autor vermutlich so Einiges richtig gemacht.

Sollten Sie allerdings überzeugt-ausschließlicher Schlagerfan sein:
Schalten Sie weg! Blättern Sie um! Klicken Sie irgendwas!
Hier soll geschrieben, nicht geschmachtet werden!

Obwohl, zumindest wenn man sich den "Blog"verlauf so anschaut, habe ich nicht viel Schriftliches verzapft in letzter Zeit.
Höchstens offline, aber davon hat ja niemand etwas. Kein Lachen, keine Beschwerdbriefe. Leere.
Vermutlich jedoch habe ich derweil Gedanken gesammelt wie so ein nasser Sack, äh: Schwamm, kreativ aber introvertiert.
So Gedanken, die sich dann nicht in enge Buchstabenketten quetschen wollen, weil sie zu anspruchsvoll geworden sind. Geh mir weg mit Grammatik, abgehacktes Kaltstartgeschreibe.
Sie haben doch auch gerade noch keinen Spaß beim Lesen, das sehe ich ihnen am zuckenden Displaywischfinger an!

Weiter.
Kaum hat man mal nicht aufgepasst, beginnen die kleinen fiesen Gedankenracker auch noch, nach rechts und links, über den Tellerrand, durch die Lasche und die hohle Gasse zu schielen:
Wie mögen andere Schreiberlinge das bloß machen?
Setzen die sich einfach so hin? Überall?
Sagen die sich auch "Hey, jetzt aber erst noch das Bad putzen...und den Müll rausbringen...raus in die Kälte und nicht zögern! Der Tag ist vorbei, die Energie verknebelt, aber hey: And round goes the Schreibmaschin!"?
Wenn man den inneren Schweinehund erst überwinden muss, kommt man ja doch nie dazu, den ganzen Kram endlich zu Papier zu bringen, welchen Spongebob the brain im Laufe eines Jahres so aufgesogen hat.

Ich habe den Müll nicht rausgebracht. Das Bad ist auch nur so semi-sauber - ich habe den Schweinehund also endlich mal links liegen gelassen, natürlich nicht, ohne mich vorher mit dem Fahrrad durch Berg und Tal zu quälen.
Ich eben auch ein konsequenter Typ. Verdammt!
 
Und dann ist da noch die Tatsache, dass Träumer wie ich natürlich Vorbilder haben.
Schweinehund, Vorbilder, Alltag - Sie merken schon, die Liste der Unannehmlichkeiten, die sich einem ordnungsgemäßen Vertexten so in den Weg stellen, wird nicht unbedingt kürzer.

Früher, als ich noch ein junger Mann war, habe ich mich einfach an den Küchentisch gesetzt.
Es hatte etwas Zeremonielles, Laptop und Ladegerät dort zu installieren und sich in Hoody und Jeans an den Tisch zu setzen.
Gerade und aufrecht und dann NUR Text.
Wie so oft im Leben erweist es sich als Vorteil, in Küchentischnähe eine Jeans zu tragen.
Das ist sicherer und hilft hin und wieder zur nötigen Seriösität, wenn Sie verstehen!
Mit meinen Küchentischgeschichten war ich dementsprechend immer ganz zufrieden. Sonst könnten Sie hier vermutlich auch gar nicht mitlesen.
(na, atomisiert sich bereits Ihre Illusion von seriösem Autorentum?)

Aber ich wollte mehr und kaufte mir einen Schreibtisch. Nicht, dass es nicht schon einen gegeben hätte...aber an dem Ding, wo Aktenordner, Steuererklärungen und Exceltabellen ihr Zuhause haben, kann ein Mann wie ich einfach nicht genug Faxen machen.

Dazu brauchte es ein Spitzenmodell für Kreativköpfe: Weiß und glatt stand er vor mir und wartete darauf, mit buntem Leben gefüllt zu werden.
So wie auch heute.
An diesem Ort schreibt es sich besonders gemütlich, weil man sich in Hoody und Shorts verlustieren kann. Weniger Arbeitsfläche = weniger Gefahr. Man spart also die Jeans! Auch hier verstehen Sie bestimmt treffsicher.
Ausserdem sitzt es sich hervorragend gemütlich auf herrlich kreativ kuscheligem Stuhl
Modell Flauschmusk.
Kenner blättern bereits jetzt verzweifelt in vorhandenen IKEA-Katalogen.

Noch holpern die Zeilen und beschweren sich, dass ich ja eigentlich über das Schreibverhalten der Vorbilder sinnieren wollte..
Denn wie um Himmels Willen setzen sich andere Menschen denn hin und verzapfen hervorragend gefiltertes Gedankengut auf jungfräulich weißem Hintergrund?

Als erstes fällt mir da immer der Sträter ein.
Sie wissen schon: Ein Kerl wie ein Baum, die Stimme der Männlichkeit. Und lustich!
Ständig fragt sich der innere Schweinehund: "Wie macht der das bloß?"...
Ja, so ein Sträter schreibt, wo er geht und steht. Wahrscheinlich auch noch im Liegen.
So meine unzweideutige Fantasie.
Fährt er mit dem Zug - zack, Text verfasst!
Sitzt er in der Maske irgendeiner politisch-satirischen TV-Sendung - bumms, der nächste Klopper!

Nur als ich einmal einem seiner Auftritte - the event formerly known as "Lesungen"-  beiwohnte, wurde meine Illusion kurzerhand gebrochen.
Verwundert rieb ich mir die Augen, denn der Herr reiste mit einem mittelalterbraunen Opel Cascada an. Oder wie es in der Verkaufsbroschüre dieses schnittigen Frauen-KFZ mit Stoffverdeck akkurat lautet:

Muttibraun perleffekt.

Und da war ich mir sicher: In dem Wagen hat der nicht einen Text geschrieben! Oh nein, das funktioniert einfach nicht.
Keine männliche kreativen Texte in Frauenautos! ...ausserdem musste er ja auch irgendwie fahren.
Erleichterung.
Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die einem das nötige Wohlgefallen zurückgeben.
Notiz an Opel: ein Opel Cascada ist natürlich keine Kleinigkeit.
...auch wenn er den Namen eines furchtbar günstigen 90er Jahre Dancefloorprojektes mit sich herumschleppen muss.

Vergleiche sind also Mist.
Das wussten Sie schon? Hätten Sie mal was gesagt!

Mutig wie ich so bin, blieb mir auch ein Vergleich mit Janosch, Astrid Lindgren und Heinz Strunk nicht erspart.
Bei Janosch war das irgendwie aber alles einfacher, nachdem mir wie zufällig mal eine Reportage über den Weg lief.
Seitdem ist mir klar, dass Janosch cheatet, denn er muss nichts anderes tun, als den lieben langen Tag in seinem verwunschenen kleinen Häuschen - Typ verbuschte Gartenlaube - zu sitzen und bei ein, zwei Fläschchen Wein und roter Nase ein paar Bilder zu malen.
Biegt der Wein auf die Zielgerade ein - das ist ein Reim - beginnt der Künstler, lustige Texte unter seine gemütlichen Bilder zu malen.
Deshalb wünschen sich der Tiger und der Bär auch bloß ein Sofa und Günter Kastenfrosch ist gar nicht eckig, sondern total rund und weich.
Mir gefällts.
Und ich befürchte, Janosch trinkt gar nicht so viel, wie soeben von mir behauptet...und auch in seinem Garten ist nicht immer Sommer. Wahrscheinlich schneidet er die Büsche sogar mal fachmännisch aus und ist auch sonst ein total aufgeräumter Typ.
Aber mir hilfts, also gehen Sie weiter!

Mit Heinz Strunk gestaltet sich das schon schwieriger.
Der trägt ja immer einen Anzug.
Vielleicht setzt er sich in selbigem an den Küchentisch, da mag es sogar Parallelen geben.
Der Unterschied zu Heinz Strunk jedoch ist, dass der sich vorher den Arsch garantiert mit Nivea eingerieben hat.
Das habe ich mal in einem seiner Bücher, also bei einem seiner Protagonisten, gelesen.
Das ganze Buch wimmelte so vor Nivea-Creme in Poritzen, was durchaus in Ordnung ist.
Ich habe viel gelacht.
Aber seitdem schreibt Heinz Strunk für mich eben immer mit dem sogenannten Stock im Arsch.
Ganz begeistert ergatterte ich noch ein weiteres seiner Bücher für geschlagene 2,59 Euro.
Inspiration von allen Seiten: Sträter, Janosch, Strunk. Was für ein Trio!
Nach hundert Seiten, von denen ich lediglich behalten habe, dass seine Hauptfigur (für mich ist das immer der Strunk selbst) in einem Café saß und guckte, wurde ich skeptisch.
Würde es sich lohnen, weitere einhundert Seiten auf großartige Ereignisse zu warten?
Darf man so ein Scheißbuch einfach in die Ecke legen und mit Mißachtung strafen?

Großzügig, wie ich bin, konsultierte ich sicherheitshalber einige Amazon-Rezensionen..
Sie machen das doch auch immer erst nach dem Kauf, oder?
Und zack, erster Treffer "...ich bin bei Seite 100 angelangt, besser wirds nicht mehr!"...
Offenbar hatte ich meinen Bruder im Geiste gefunden, und meinem Exemplar dieses schrecklich zusammengeschusterten Irgendwas wurde die Ehre zu Teil, für ganze 17 Cent Kopfgeld zurück an den Dealer verschachert zu werden.
Und ich fühle mich ja selten herzlos, weil ich es wahrscheinlich auch nicht bin, aber da hatte ich trotz Strunks schlechtem Vorbild kurzzeitig ein schlechtes Gewissen.

Etwas unangenehm auch hier: Heinz Strunk hat sich für dieses Meisterwerk ganz sicher ausgiebig hingesetzt. Vielleicht nichteinmal im Anzug, auch nicht am Küchentisch und ohne Eincreme-Orgien.
Wahrscheinlich sogar in irgendeinem Großraumbüro, so wie Kollegin Roche (im Volksmund "Rohtsch" genannt).
 Ein Großraumbüro ist nicht verkehrt. Man kehrt ein und aus und muss jeden Tag etwas schreiben, komme was wolle.
Und ist auch viel Dünnschiss dabei,
mir ist das Einerlei.
(Ich werde hier heute auch mal NICHTS korrigieren oder überarbeiten. So!)

Da haben wir sie also, die Leistungsgesellschaft.
Bürokreativität. Massenunterhaltung.
Gar nicht so verkehrt, aber nicht gerade das, was man des Künstlers Muse nennt.

Viel lieber würde ich mich ja an Astrid Lindgren halten.
Bescheiden wie sie war, stieg die Gute ohne Smartphone, Flachbildschirm und Internet jeden Morgen mit ihrem langen Nachthemd aus dem Bett, trug ihre Löt...Verzeihung NACHTTISCHlampe vor sich her, um sich gemütlich in ihr Schreibzimmer zu begeben.
Keine wüsten Schreie nach Kaffee 2.0 oder irgendsoein Stressgedöns.
Pure Romantik.
Versonnen schaute sie dann aus dem Fenster der aufgehenden Sonne Schwedens entgegen oder zählte die Eisblumen im Winter, während sie sich in Ephraim Langstrumpfs starke Arme auf der Hoppetosse träumte.
Zwei, drei lustige Pippi-Langstrumpf-Kapitel später, die sie natürlich noch mit alter Gänsefeder und Tinte auf nicht recycletes Papier niederbrachte, legte sie stets eine besinnliche Pause bei Äffchen und Pferd ein.
Kleiner Onkel und Herr Nilsson - welch inspirierend stille Gesellen das doch waren.
Kurioserweise waren die Rollen in der Realität stilsicher verteilt:
Affe = KLEINER Onkel.
Pferd = Herr Nilsson.
Kindern und Träumern darf man es aber natürlich weiterhin genau umgekehrt erzählen, das ist viel gemütlicher, auch wenn die Größenverhältnisse dann unlogisch sind.

Also pfeifen wir mal auf die Logik!
Wie ich auch zusätzlich inzwischen in Erfahrung bringen konnte, war bei Pippi Langstrumpf ja auch nicht alles real.
Kenner munkeln, da wären ganze Rollen Blumendraht im Spiel gewesen, um die Standfestigkeit der roten Zöpfe zu gewährleisten.
Quod erat demonstrandum.

Und nun sitz ich hier, ich armer Dings.
Über Goethe mach ich mir lieber keine Gedanken. Die Messlatte lag schon hoch genug, oder?
Ausserdem hatte ich dem ewig meckernden Schweinehund doch zuvor mit Fahrradkälte ordentlich was auf die Fresse gegeben.
Das hat gewirkt.

Also: Fahren Sie Fahrrad und schreiben Sie los.
Ich schaue nicht zurück (da müssen Sie jetzt durch) und ziehe mir jetzt ne Jeans an.
Nicht wegen der Gefahr, sondern rein temperaturbedingt.

November.


Herzlichst
Ihr/Euer/Dein

Mann.im.Meer VOM Deich





P.S.: Ich habe natürlich doch editiert. Es war besser für uns alle...




Dienstag, 22. Dezember 2015

~have yourself a merry little christmas~ (feat. Schaluppke und das Licht)

Dieser Blogpost wurde von mir ursprünglich für den Adventskalender 2015
einer gutsten Bloggerkollegin
geschrieben.

Schaluppke und das Licht

Es wurde schon dunkel, als der dicke alte Mann unter der großen Lichterkette am Eingang des
kleinen Weihnachtsmarktes seiner noch kleineren Heimatstadt hindurchschritt.
Schaluppke hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und betrat langsam und mit schweren
Schritten das Kopfsteinpflaster, auf dem sich die vermufften Holzbuden säumten.
Wie gut, dass sich sein dicker brauner Mantel, für dessen Herstellung eine ganze Sippe sibirischer Schwarzbären ausgerottet worden sein musste, immer noch hervorragend an seinen schweren, unförmigen Körper anzuschmiegen vermochte.
Zufrieden bemerkte er die Vorzüge seiner Investition vom Winter '78, als er sich dieses wärmende Kleinod nach einem hervorragenden Geschäftsjahr gegönnt hatte.
Immerhin verdeckte es nun den Umstand, dass sein darunter befindliches Oberhemd
gute zwei Kleidergrößen zu eng war.
Lange hatte niemand mehr für ihn eingekauft.
Schaluppke war allein.
Zum ersten Mal war er allein.

Einsam und beinahe lautlos schoben sich seine klobigen Füße auf der holprigen Straße voran.
Langsam.
Es roch nach Lebkuchen; dann nach kandierten Äpfeln und all dem anderen süßen Zeug, mit dem man dem ein oder anderen Kind sein ganzes Taschengeld abluchsen konnte.
Schaluppke aber schaute nicht auf. Das hier war alles so alt und bekannt, dass er nichtmal
hinschauen musste.
Tannenzweige, Gedudel, Holz und Dampf – Dezember.

Dies war das erste Weihnachtsfest ohne seine Gertrud, die ihn im letzten Sommerurlaub für diesen gut bestückten Jamaikaner verlassen hatte.
„Ich bleibe bei Dingo“, hatte sie nur gesagt, als sie zwischen all den gepackten Koffern und Kisten im Hauptflur von Schaluppkes Villa auf die 23 Transport-Taxen zum Flughafen nach Port Lismeth gewartet hatte.
„Dingo“, dachte Schaluppke.
Und stellte sich vor, wie seine Frau an Heiligabend nicht wie gewohnt unter künstlicher Tanne an Eiche rustikal verbrachte, sondern am sonnigen Strand diese riesige Palme wedelte.
Er dagegen sollte sich wie immer knarrend in seinem Ledersessel niederlassen und dem
knisternden Plattenspieler lauschen, den seine Gertrud sonst Jahr für Jahr ganz sentimental mit der großen Mainzelmännchen-Weihnachts-Langspielplatte für sich einnahm.
Ein Ritual, das die alte Dame seit dem Auszug der Kinder unbeirrt fortzuführen pflegte.
Olle Schnepfe! Dieses Jahr hatte er die Gelegenheit, die fröhliche Kindermusik endlich durch einen anständigen Marsch zu ersetzen.

Bonbonduft riss Schaluppke jäh aus seinen Träumen.
Sonst sollte einfach alles so bleiben, wie jedes Jahr geschehen.
Diese roten fossilienartig geformten Glühweinklümpchen brachten ihn schlagartig auf den Boden der früheren Tatsachen zurück.
Vor einigen Tagen erst hatte er eine Reportage über ein altes hageres Männchen gesehen, das den lieben langen Tag nichts anderes tat, als eine rote, von Zucker geschwängerte Masse in antike Blechformen zu gießen und zu warten, bis sich die geheime Mixtur zu einem plombenziehenden Mehrkomponentenkleber verhärtet hatte.
Dann bestand der Rest des Männchen-Tages darin, jedes einzelne Bonbon von Hand aus der Form zu trennen.
„Armer Hund“, dachte Schaluppke, „der könnte sich ne Scheibe abschneiden vom Schaluppkeschen Unternehmergeist:
H.S. International Tabakwaren Import KG!“
Dabei formte sein Mund nur beinahe ein triumphales Lächeln.
Ausser der Villa und dem 1992er 300 SEL war ihm nicht viel von seinem Reichtum geblieben.

„Glühweinbonbons. Zwei Tüten!
Hier haste vier Mark!“

Der Bonbonverkäufer nickte gehorsam – Schaluppke machte immer noch eine stattliche Figur, das musste man ihm lassen. Er ließ die Bonbontüten in seinen Mantel wandern und schritt grußlos weiter.
Die Bonbons waren vermutlich der einzige Grund, der ihn alljährlich neben oder hinter seiner Frau an diesen Ort gelockt hatte.
Alles weitere Geschehen zwischen den sich aneinander reihenden
Buden und Ständen hatte sonst doch nur aufgrund der schrulligen Vorliebe seiner Gertrud
stattgefunden.
Hinter dem Bonbonstand folgte die gefürchtete Geschäftszeile. Einzelhandel.
Und jedes Jahr fanden sich die Schaluppkes genau an dieser Stelle bei Miederwaren Strunz ein, um diese angeblich so besonders edlen Strumpfhosen zu erwerben, die seine Frau über alles liebte.
„Häßlich braune Dinger“, raunte Schaluppke wie automatisch und beinahe hörbar trotzig vor sich her, als er das Schaufenster erblickte. Dann stellte er sich vor, wie seine Alte sich am ersten Weihnachtsfeiertag traditionell in die viel zu engen Nylons quetschte und juchzend aus dem Schlafzimmer grüßte.
Den Besuch konnte er sich diesmal sparen.

Der Unternehmer im Ruhestand sparte genau 143 Mark und 50 Pfennig.
Da konnte er gut und gerne auf diese undankbare Frau verzichten, die ohnehin jedes Jahr mit denselben kleinen blauen Pillen als Geschenk unterm Christbaum aufzuwarten pflegte.
Schaluppke konnte schon die Farbe nicht ausstehen.
Ein frisches blau passte nicht in seine Welt aus Ocker und verrauchten Tabaktönen.
Zum Glück war es ihm immer gelungen, die geschenkten Presslinge unentdeckt aus ihrer
Verpackung zu pfriemeln und dem treuen Familiendackel sukzessive in den Napf zu bugsieren.
Beinahe eine ganze Dekade lang hatte das hervorragend funktioniert.
Dann wurde der Dackel zu alt für solche Spielchen und musste erlöst werden – sein fünftes Bein starr in die Luft gereckt, so wie man ihn seit Schaluppkes gütiger Zugabe lange Jahre kannte.
Schaluppke schaute auf. Der Duft von gebratenen Pilzen verriet ihm erfahrungsgemäß, dass er sich bereits am Ende dieser eigentlich sehr gemütlichen Veranstaltung befand.
Gemütlichkeit jedoch konnte er schon lange nicht mehr empfinden.
Leere und Gewohnheit waren die Säulen seines Alltags, Kalkül.
Zur Vollendung seines Plans oder des Plans, den seine Gertrud ihm über die Jahrzehnte irgendwo hinter der Hirnrinde eingebrannt hatte, fehlte nur noch dieser Kranz.
Schaluppke wusste genau, dass er dafür nur einen Schritt über die Schwelle von
Blumen Bittner zu machen brauchte. Jener Laden, in dem seine Frau zur Krönung meist nicht unter einer Stunde verweilte.

Etwas zerzaust und vertrocknet standen die Adventskränze genau vor seinen Füßen.
Immerhin fand sich dort auch nach dem 4. Advent noch ein Exemplar.
Er grüßte nicht, deutete bestimmt auf ein lieblos zusammengestecktes Gebilde, ließ
die etwas ehrfürchtig agierende Jungverkäuferin hastig einpacken und machte sich dann
mit dem knisterden, nadelnden Etwas nun strammeren Schrittes auf zu seinem Wagen.
Der Mercedes roch wie immer, es war Schaluppkes eigener Duft aus Zigarrenqualm und altem Leder.
Sanft schaukelte die schwere Limousine ihn durch die verschwenderisch hell erleuchteten
Straßen, der alte Mann war allein.
Hinter den Fenstern der Häuser mochten so viel Zweisamkeit und Familientreiben herrschen, dass es Schaluppke für wenige Sekunden aus seiner inneren Kälte riss.
Um dem Schmerz Herr zu werden, schloss er rasch die Augen.
Dann war da nur noch das eintönige Geräusch des 6-Zylinders unter der langen Motorhaube - alles wie immer.

Dunkel erwartete ihn die alte Villa.
Dort angekommen musste er nur das Automatik-Tor seiner Garage betätigen, dann sich und seinen Mantel samt Bonbons und Kranz aus dem Wagen hieven und durch die schwere Verbindungstür den großen Hausflur betreten.
Er erwartete nichts, und niemand erwartete ihn.
Das Haus empfing ihn dennoch mit wohliger Wärme.
Schaluppke hatte den gemauerten Kamin im Wohnzimmer vor seiner Abfahrt mit ausreichend Holzscheiten bestückt, immer noch glimmte und knisterte es dort.
Das Papier, aus dem er den reichlich nadelnden Adventskranz befreite, eignete sich hervorragend, um das Feuer nochmals zu entfachen.
Der alte Mann stellte den Kranz auf den wuchtigen Wohnzimmertisch, entzündete Kerze für Kerze sorgfältig und legte das letzte verbliebene Stück Holz nach, bevor er sich in seinen alten Ledersessel niederlassen wollte.
Sein Blick fiel auf den Plattenspieler, er brauchte ihn nur anzuschalten und den Arm auf die
Schallplatte zu legen, schon knisterte und knarzte es in den Lautsprechern.
Schaluppke huschte beinahe ein Lächeln über das Gesicht, als er samt Mantel in den Sessel hinabglitt, fast hätte man ihm Zufriedenheit zugetraut, fast war Alles wie immer.
Ein Griff in die Manteltasche und seine alten, dicken Finger zauberten ein dunkelrotes Bonbon hervor.
Es funkelte herrlich im Schein der Kerzen, während die Mainzelmännchen
„Oh du Fröhliche“ sangen.
Schaluppke schloss die Augen, legte das Bonbon langsam auf seine Zunge.
Ihm wurde warm ums Herz – so warm und hell wie schon seit Jahren nicht mehr.
Er hörte das Knistern des Feuers, spürte die Wärme der Kerzen...
dann schlief er ein.

Es war Horst Schaluppkes letztes Weihnachtsfest.




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Ich wünsche Ihnen/Euch allen ein FROHES WEIHNACHTSFEST!
...und ja, ich habe schon einen Baum ;-)